Carries komische Werkstatt
  Der dunkle Wald 2
 


"Du lässt mich gehen? Und ich dachte, hier werden mir nur Bösewichte begegnen...“ brachte ich zögerlich über die Lippen. Meine Stimme wurde von Wort zu Wort leiser, bis sie am Ende nur noch knapp über einem Flüstern war, kaum hörbar für jemanden, der soweit entfernt war wie der Fremde. Ich schaute ihm einige Zeit hinterher, solange bis er nicht mehr zu sehen war. Ich saß noch einige Zeit dort herum. Ich ließ meine Hand über den kalten, nassen Stein gleiten und blickte zu dem Gebirge hinauf, das man durch die Baumkronen sehen konnte. Die Felsen waren fast senkrecht und bei dem Anblick des verschneiten Gipfels, fröstelte ich leicht. „Hoffentlich muss ich nicht über diese Berge klettern..“ murmelte ich leise und tastete nach dem Ranzen, den mir Radu gegeben hatte. „Nanu, wo ist denn meine Tasche hin?“ Ich untersuchte den steinigen und unebenen Boden genau, doch die braune Ledertasche war nirgends zu finden. „Mist!  Die Karte war doch da drin!“ rief ich verärgert und stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Wie soll ich denn jetzt den Weg zu dem Schloss finden?“ Hilflos sah ich mich um. „Was soll ich bloß tun?“ Zögernd drehte ich mich um und schaute zurück zum Abgrund. „Soll ich versuchen zurück zu gehen oder soll ich einfach weiter dem Weg folgen und dem Gefühl in meinem Bauch vertrauen?“ fragte ich mich selbst, bis mir plötzlich eine Idee kam. Der fremde Junge schien sich hier gut auszukennen, vielleicht konnte er mir weiter helfen.
Schnell rannte ich den Weg entlang, bis ich auf einmal einen lauten Schrei, der mir durch Mark und Bein ging, hören konnte. „Der kam von dort drüben!“ So schnell wie es mir möglich war, lief ich weiter, bis zu seinem Ursprung. Ich trat aus dem Wald auf eine Lichtung - dort wo ein unfairer Kampf stattfand.
Der strenge Gestank von verbranntem Fleisch und Holz stieg mir in die Nase und rief einige Erinnerungen wach. Erinnerungen an den gestrigen Tag. Ich sah den Burschen von vorhin, der mit einigen Vampiren kämpfte. Sie schienen mich zum Glück nicht bemerkt zu haben. Leise und langsam schritt ich näher heran. „Vampire am helllichten Tag? Und ich dachte immer, die kommen nur bei Dunkelheit raus. Vielleicht sind sie stärker als andere?!“ Ich starrte kurz nachdenklich auf den Boden, dann wurde ich plötzlich von einem hellen Licht, das für wenige Sekunden grell leuchtete, geblendet. Verwirrt blickte ich mich um und sah, wie der Unbekannte mit Feuerbällen um sich warf. Meine Augen weiteten sich vor Überraschung etwas. „Was? Wie kann das sein?“
Ich beobachtete den Kampf noch einige Zeit lang, bis ich plötzlich sah, wie sich einer der Vampire leise von hinten an den Namenlosen heran schlich und sein Schwert zückte. „Oh mein Gott, das könnte böse für ihn enden!“ flüsterte ich leise zu mir selbst und entschloss mich dazu, dem Jungen zu helfen. „Pass auf, hinter dir!“ kreischte ich entsetzt und wollte den Schwarzhaarigen auf die Gestalt hinter sich aufmerksam machen. Der schwarz gekleidete Junge hob seinen Kopf und schaute sich irritiert um. Doch statt den Vampir, der sich leise an ihn heran pirschte, zu sehen, entdeckte er mich hinter den vielen Büschen und Bäumen. Schnell rannte ich auf ihn zu, und rammte den Jüngling zu Boden. Wir waren nur haarscharf der Klinge des Blutsaugers entkommen und beinahe hatte mich dieser mit seinem Schwert getroffen. Ich war mit meinem Kopf auf der Brust des Fremden gelandet und ich konnte seinen Herzschlag spüren. Beinahe gierig zog ich seinen Duft ein, der mich ein bisschen an einen großen Strauss frische bunte Blumen erinnerte – er roch so gut. Mein ganzer Körper bebte und meine Hände zitterten, als er mich mit seinen glühenden Augen ansah.
„Du schon wieder? Ich glaube ich habe es dir wirklich angetan oder warum bist du mir gefolgt?“ sagte er mit einem ernsten Gesichtsausdruck, doch schon nach kurzer Zeit, stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. „A.. aber... i.. ich....“ stammelte ich und errötete leicht, als ich bemerkte in welcher Position wir uns eben befunden hatten. Zögerlich ließ ich von ihm ab und stand auf. „Ich schlage vor, dass wir verschwinden!  Es sind einfach zu viele!“ flüsterte der Fremde mir zu, nachdem er ebenfalls aufgestanden war. Ich schaute mich kurz um - fünf weitere Blutsauger waren hinzu gekommen. Ich hob bedrängt die Schultern. „Du hast recht, wir sollen fliehen!“ stimmte ich dem Jungen zu und suchte hinter seinem Rücken nach Schutz. „Sie dürfen nicht bemerken, dass wir abhauen wollen, also bleibe ganz ruhig und tue so, als ob du mit ihnen kämpfen möchtest. Unsere Flucht muss sie überraschen!“ hauchte er mir leise in mein Ohr, und sein Atem kitzelte meinen Nacken. Vorsichtig und langsam nahm er meine Hand, dann begann er zu rennen und zog mich hinter sich her. „Ich kann nicht so schnell!“, krächzte ich. „Lauf doch bitte etwas langsamer...“ Er schaute sich hastig über die Schulter. Kleine glitzernde Wasserperlen rannen seine Stirn hinab, da der Regen plötzlich stärker geworden war. „Nein, wir dürfen nicht langsamer werden!  Sie sind viel zu dicht hinter uns. Wenn wir langsamer werden, holen sie uns ein!“ „Ich kann aber nicht mehr!“ rief ich voller Panik. „Versuche einfach so schnell zu laufen, wie es geht und denke daran, dass sie uns töten werden, wenn sie uns in die Finger kriegen. Wir werden uns irgendwo ein Versteck suchen!“ Nachdem er sich noch einige Male umgeschaut hatte, rief er plötzlich: „Schnell hier lang!“ Wir rannten eine dicht bewachsene Böschung hinunter, aber die Biester waren noch immer dicht an unseren Fersen. Doch dann, ganz plötzlich, schienen sie ihr Tempo zu verlangsamen. „Komm!  Sie werden langsamer, schnell!“ schrie der Schwarzhaarige, nachdem er sich erneut kurz über die Schulter geschaut hatte. Wir legten noch einen Zahn zu, und wir waren schon nach wenigen Sekunden kaum mehr sichtbar für diese Kreaturen. „Beeile dich, noch ein kleines Stück!  Wir müssen uns irgendwo verstecken..." sagte er ruhig und verringerte langsam sein Tempo, bis er schließlich stehen blieb. Ich beugte mich vornüber, wobei ich mich keuchend mit den Händen auf den Oberschenkeln abstützte. Mein Puls war auf zweihundert und mein Atem beruhige sich nur sehr schleppend. „Da hinten ist sie ja, die Höhle von Bogdana!  Vielleicht können wir uns dort vorerst verstecken.“

Langsam betraten wir die Grotte. Sie war Finster, nur das schwache Sonnenlicht, gab uns etwas Licht. Ich suchte mir einen einigermaßen bequemen Platz und setzte mich. Der Fremde machte es sich neben dem Eingang gemütlich und schaute immer wieder hinaus.
„Sie haben sich wohl wirklich zurückgezogen...“ flüsterte er nach einiger Zeit erleichtert, und bübisch lächelnd hob er den Blick.

Etwa eine Stunde war vergangen, als ein Geräusch uns plötzlich aus den Gedanken riss. Irgendetwas sagte mir, dass sich jemand oder etwas in der Höhle aufhielt. Denn die Laute kamen in einem regelmäßigen Takt und es hörte sich so an, als ob sie jemand bestimmt verursachte. Ich hielt die Luft an, da ich niemanden auf mich aufmerksam machen wollte und ich saß so gut versteckt im Schatten, dass mich niemand außer einem Vampir, die einen sehr scharfen Blick bei Dunkelheit hatten, hätte sehen können. Mein Herz schlug wie ein Hammerwerk, mein Körper spannte sich und meine Ohren versuchten etwas zu vernehmen, aber es tat sich nichts mehr.
„Du hast wohl geträumt, dumme Kuh!“ murmelte ich mir selbst zu, während ich die neugierigen Blicke des Jungen bemerkte. Einige Zeit lang musterte mich der Fremdling stumm, bis er schließlich fragte: „Sag mal, wie lautet eigentlich dein Name?“ Ich fuhr mit meinem Kopf nach oben und blickte in die eisigen Augen des Jungen. Für einige Augenblicke hielt ich inne und erwiderte seinen Blick einfach nur. „Mein Name ist Stela.“ Er lächelte leicht und sagte: „Ein schöner Name, gefällt mir. Ich heiße übrigens Alin Aurel. Aber es reicht, wenn du mich einfach nur Alin nennst.“ Ich nickte und legte meinen Kopf gegen die Wand, die sich hinter mir befand.
Nach einer Weile schlossen sich meine Augen vor Müdigkeit, aber nur für kurze Zeit. Denn plötzlich war erneut etwas zu hören. Es klang wie ein Scharren und Kratzen, das von einem Tier stammte. Als das Geräusch immer näher kam und mich auf einmal zwei weiß blaue Augen anstarrten, blieb mir fast das Herz stehen. Meine beiden Hände suchten am Boden irgendetwas zur Verteidigung, obwohl ich auch meine Kräfte hätte einsetzten können. Aber ich war in diesem Moment so sehr erschrocken, dass ich gar nicht daran dachte. „Hab keine Angst!“ rief Alin laut. „Das ist doch nur..“ Doch bevor er zu ende sprechen konnte, hatte ich einen Stein ertastet, den ich sofort fest mit meinen Fingern umschlossen hielt. „Hau ab du Bestie!“ Gleichzeitig flog der Stein in die Richtung der Augen. Ein dumpfes Klatschen und ein piepsiges 'AU' folgten meinen Worten. Sofort sprang Alin auf und rannte zu dem unheimlichen Wesen, dessen glühenden Augen ich nur in der Finsternis erkennen konnte. „Ist alles in Ordnung, Bogdana? Ich wusste nicht, dass du da bist. Ich habe gedacht, du wärst weg, wie du es eigentlich immer um diese Zeit bist!“ erklärte Alin besorgt und half dem seltsamen Wesen wieder auf die Beine. „Aua..!  Sag mal, was fällt dir ein? Warum tust du mir weh? Ich habe dir doch gar nichts getan!“ rief das seltsame Geschöpf, das den Tränen nahe war. „Ich wollte doch nur sehen, wer du bist, da ich dich noch nie zuvor hier gesehen habe.“ rief es empört und kam einige Schritte auf mich zu gestampft. „Ich... dachte du wärst einer der Vampire und...“ Ich konnte meinen Satz nicht beendet, da Bogdana, wie Alin sie nannte, mich unterbrach. „Ich, ein Vampir? Pah, nie im leben!  Ich...“ Sie sprach nicht weiter, da sie zu weinen begann, und schon nach kürzester Zeit nahmen Tränen ihr die Sicht. „Ha.. hast du das gehört Alin? Sie hat gedacht, ich wäre... ein Vampir!“ jammerte sie weinerlich und ihre leisen Worte wurden von heftigem Schluchzen begleitet.
Dann, aus heiterem Himmel, warf sie ihre Arme um den Hals des neben ihr knienden Jünglings und rutschte etwas näher zu ihm. Wie eine Ertrinkende an eine Boje, so klammerte sie sich an den Schwarzhaarigen. Alin wusste nicht so recht was er machen sollte, als Bogdana ihm um den Hals fiel. Er kniete für einige Augenblicke hilf- und regungslos auf dem Boden, während er spürte, wie ihn etwas nasses an der Brust zu berühren schien. „Ist ja gut, Bogdana. Komm steh auf!“ sprach er sanft, um das Wesen zu beruhigen. Doch ob es ihm gelang, stand jedoch in den Sternen.
Strittig beobachtete ich das Schauspiel und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Es tut mir wirklich Leid!  Ich wollte dich nicht Beleidigen und ganz sicher wollte ich dir auch nicht weh tun. Ich war nur so sehr erschrocken, als du vor mir auftauchtest!“ meinte ich und sah sie forsch an. Sofort hob Bogdana ihren Kopf und sah mich mit ihren seltsamen Augen gekränkt an. Das weiße Geschöpf lockerte ihren Griff, ließ Alin los und stand schließlich auf. Sie winkte ab. „Schon gut, schon gut!  Es ist ja nicht so schlimm und mein Kopf tut auch schon gar nicht mehr weh!“ Bogdana lächelte kurz zu mir herüber, dann starrte sie Alin an, der sich hinter sie gestellt hatte. „Stela, du solltest Wissen das, auch wenn wir im Reich von Dracula sind, hier nicht nur fiese Gestalten leben. Man trifft hier auch durchaus friedvolle Wesen an, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen. Dies hier ist Bogdana, sie ist eine Fee und beherrscht die Kraft des Wassers. Als ich mich einmal in großer Not befand, hatte sie mir das Leben gerettet und mich vor dem Tod bewahrt. So habe ich mich mit ihr angefreundet und habe sie seitdem auch öfters hier Besucht.“ „Eine Fee?“ murmelte ich ungläubig. Langsam aber sicher sollte mich gar nichts mehr wundern!


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