Carries komische Werkstatt
  Der Angriff 2
 


Gerade als ich die Tasche schließen wollte, fiel mir ein weißes Blatt Papier auf, das ebenfalls mit hinein gezwängt wurde. Ich zog den Zettel heraus und betrachtete ihn. Auf dem Blatt wurde eine Landkarte gezeichnet und 'Der kürzeste Weg zu Draculas Schloss', stand ganz oben als Überschrift. Ich dachte einen kurzen Augenblick nach, dann zuckte ich schließlich mit den Schultern und steckte die Karte zurück in die Ledertasche. Ich dachte mir nichts weiter dabei, denn mein Bruder war schon immer etwas seltsam gewesen, doch was er mit dieser Karte wollte, war mir jedoch ein Rätsel.
Schweigend ließ ich meine Blicke betrüblich umher schweifen. Erst nach wenigen Augenblicken wurde mir meine Lage überhaupt bewusst. Ich war nun ganz allein auf dieser Welt, hatte kein zu Hause mehr, in das ich zurückkehren konnte. Gestern, an diesem schrecklichen Abend, hatte ich nur den Gedanken, heil aus dieser Sache raus zukommen und meine Haut zu retten. Über alles andere hatte ich nicht nachgedacht.

„Du bist schon wach? Wie geht es dir? Hast du Schmerzen?“ fragte plötzlich jemand mit einer tiefen rauen Stimme. Langsam drehte ich mich um und sah einem graubärtigen Mann ins Gesicht. Radu hatte sich leise an mich heran geschlichen. Zögernd schüttelte ich den Kopf. „Mir geht es den Umständen entsprechend.“ „Weißt du noch was vergangenen Abend geschehen ist? Wenn nicht, dann hast du bei deinem Sturz aber wirklich etwas abgekriegt.“ „Doch weiß ich. Aber ich wünschte es wäre nur ein böser Traum gewesen.“ antwortete ich leise mit weinerlicher Stimme. „Sei froh meine Kleine, dass ich dir gefolgt bin!  Sonst hätte dein Leben genauso geendet wie das der meisten Städtler.“ „Was meinen Sie damit?“ fragte ich ihn und schaute den Abhang hinauf, den ich wohl hinunter gefallen war. „Ich habe dich gerettet. Vor den zwei Vampiren!  Weißt du das denn nicht mehr? Ich habe ihre armen Seelen befreit, und du kannst mich ruhig duzen, wenn du möchtest.“ Ich hob die Schultern. „Stimmt!  Die waren ja plötzlich aufgetaucht.“ „Du wunderst dich bestimmt, warum die Tasche deines Bruders hier ist. Nun, dein Vater hatte mir vor langer Zeit von deinen Kräften erzählt, weißt du?!“, begann er zu erzählen. „Meine Großmutter und meine Mutter, hatten genau die selben Fähigkeiten wie du. Als meine Großmutter Selen etwa in deinem Alter war, wurde ihr Dorf ebenfalls von Vampiren und Skeletten heimgesucht. Sie war die einzige Überlebende, da sie einen Teleportzauber beherrschte.“ „Aber warum hat sie denn nicht ihrem Dorf geholfen, wenn sie tatsächlich solche Kräfte besaß wie ich?“ „Gegenfrage, warum hast du es nicht getan.“ Ich schwieg für einen kurzen Augenblick. Seine Worte trafen mich hart. „Weil es einfach zu viele Gegner waren, dass hätte ich nie und nimmer schaffen können!  Außerdem hätten sie vielleicht versucht mich gefangen zu nehmen und ich hatte, ich hatte einfach Angst und nicht den Mut dazu...“ „Siehst du, genau das hatte meine Großmutter damals auch gedacht. Sie war jung und ängstlich. Aber als sie in ihr zerstörtes Dorf zurückkehrte und die vielen Toten vor fand, schwor sie Rache!  Jedenfalls hatte sie sich damals auf den Weg zu Draculas Schloss gemacht und ihn besiegt. Zumindest hatten das alle gedacht...“ Ich setzte mich auf einen umgefallenen und abgestorbenen Baumstamm, der übersät mit grünem Moos war. Dann fragte ich: „Was ist denn passiert? Erzähl weiter!“ Radu wartete einen kurzen Moment, bis er mit seiner Erzählung fort fuhr. Bevor er anfing weiter zu erzählen, räusperte er sich. „Sie hatte Dracula nicht besiegen können. Er war für viele Jahre vollkommen von der Bildfläche verschwunden und daher dachten die Menschen, er hätte ihren rasenden Racheakt nicht überlebt. Die Nachricht von seinem angeblichen Tot verbreitete sich wie ein Lauffeuer und die Menschen feierten weltweit Feste, ernannten meine Großmutter sogar als Retterin der Menschheit. Doch sie hatte Dracula nicht töten können und auch einige seiner Diener hatten die Rache von Selen überlebt und den Grafen gesund gepflegt. Zwar lebte er noch, doch sie hatte ihn so stark verletzten können, dass er Unmengen an Blut verlor und schließlich in eine Art Starre verfiel. Vampire erstarren erst dann, wenn sich kaum noch Blut in ihren Körpern befindet und auch ihre letzten Blutvorräte erschöpft sind. Ihre Verletzungen heilen sich dann nicht mehr von allein und sie können nur wieder aus ihrem sogenannten Schlaf gerissen werden, wenn ihnen jemand Blut einflößt. Erst dann erwachen sie wieder und erholen sich. Dies taten seine treuen Untergebenen schließlich und seine Starre löste sich. Du musst wissen, Vampire können an Blutmangel nicht sterben, sie erstarren nur, sie schlafen dann quasi. Du kannst sie nur töten, indem du ihnen den Kopf abschlägst und ihnen Knoblauch in den Mund steckst. Dann müssen sie an einem heiligen Ort beigesetzt werden. Nunja, als er wieder bei Kräften war, hat er eine neue größere Armee erschaffen und sie los geschickt um Selen zu töten.“ „Lasse mich raten, Radu!  Ich wette, deine Mutter hatte überlebt, als Selen getötet wurde und wollte sich ebenfalls rächen. Doch auch sie schaffte es nicht ihn zu besiegen und nun soll ich die Dritte sein, die sich mit ihm anlegt!“ „Nein, so war es nicht. Als meine Großmutter getötet wurde, hatte meine Mutter schon längst nicht mehr zu Hause gewohnt. Sie hatte von alldem nichts mitbekommen, sie erfuhr erst später davon.“ „Dann war Selen ja schon sehr alt als sie ermordet wurde. Aber eine Frage und zwar, warum habe ich ebenfalls diese Kräfte?“ „Ich weiß nicht warum du ebenfalls diese geheimnisvolle Macht besitzt. Vielleicht bist du eine weit entfernte Verwandte meiner Familie oder dir wurde diese Gabe einfach in die Wiege gelegt. Aber ich sollte auf den Punkt kommen!  Die Tasche ist für dich, damit du dich ebenfalls, genau wie meine Großmutter, auf den Weg zu ihm machst und ihn endgültig tötest.“ „WAS?“ rief ich empört. „Aber vielleicht will ich das gar nicht!  Ich will mich jetzt einfach nur in eine dunkle Ecke setzten und über das Geschehene nachdenken!“ „Und was ist, wenn ich dir sage, dass dein Vater noch lebt und er dringend eine Medizin braucht, die sich aber irgendwo in Draculas Schloss befindet?“ entgegnete er mir ruhig. „Ach, du willst doch nur das ich mich auf den Weg mache, du lügst!“ „Nein, dein Vater ist noch am Leben. Aber wie ich schon sagte: Noch!  Hör zu Stela, dein Vater wurde von einem der Blutsauger gebissen und du musst zu dem Schloss von Dracula gehen um einen roten Heilkristall zu finden. Der kann deinem Vater helfen!  Aber trotzdem, die effektivste Lösung wäre Dracula zu töten. Denn er ist der Ursprung des Bösen! Dann wäre nicht nur der Fluch von deinem Vater, sondern auch von allen anderen Vampiren. All die Seelen seiner Opfer wären befreit und auch die Welt wäre wieder sicher. Aber gut, ich kann dich zu nichts zwingen, auch wenn ich davon überzeugt bin das du es schaffen könntest. Immerhin bist du ein starkes Mädchen.“ Radu ging langsam einige Meter zur Seite und machte Anstalten zu gehen. Das feuchte Gras gab bei jedem seiner Schritte ein Schmatzen wieder und die Kleider wurden klamm vom Morgentau. Seine Fußspuren konnte man noch von weitem, auf der angefeuchteten Wiese sehen. Dicke Wassertropfen klatschten auf die feuchte Erde und vermischten sich dabei zu Schlammpfützen. Allerdings glitzerten die Tropfen weder klar, noch einzig dreckig, ein schmieriger Film in makaberer Farbe, zierte die Spitzen der Grashalme und die Oberfläche der Rinnsale. Einige schwarze Raben, die am Himmel kreisten und die Erde anschreiten, als wollten sie ein Unheil verkünden, bauten sich Nester auf fast schon kahlen Bäumen.

Ich starrte den Mann für einen kurzen Moment an. Er hatte eine kleine Platzwunde an seiner Augenbraue und seine Lippe war aufgerissen. „Die Wunden muss er sich wohl beim Kämpfen zugezogen haben...“ dachte ich.
Schließlich unterbrach er die Stille. „Es ist gewiss keine leichte Entscheidung, doch leider bleibt uns keine Zeit - deinem Vater bleibt nicht die Zeit. Wenn du es nicht machen willst, dann werde ich mich halt selbst auf den Weg machen. Nur ich werde es wahrscheinlich nicht weit schaffen.“ „Aber wer sagt denn, dass ich es schaffen werde?“ „Niemand, aber so hättest du wenigstens versucht deinem Vater zu helfen. Ich gebe dir eine Stunde, um alles noch einmal zu überdenken." brummte Radu und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann verschwand er langsam hinter einem der Bäume. „Du findest mich, wenn du dich entschieden hast, an dem ehemaligen Marktplatz in Târgoviste. Die Überlebenden haben bereits angefangen, die vielen Toten zu beerdigen, die Trümmer beiseite zu schaffen und die Gebäude neu aufzubauen. Sie brauchen meine Hilfe!“ rief er und scheuchte dabei ein Kaninchen auf, das schnell aus einem Busch gestürmt kam und sich ein neues Versteck suchte.
„So warte doch!“ sagte ich laut. „Wenn es um meinen Vater geht, werde ich es auf jeden Fall versuchen!  Da brauche ich doch nicht lange überlegen!  Er hätte sicher ebenso gehandelt und sein Leben für mich riskiert.“ Sofort kam Radu, hinter dem Baum hervor und lächelte zufrieden. „Doch bevor ich mich auf den Weg mache, möchte ich ihn noch einmal sehen.“ Er zupfte an seinem Bart und starrte dabei auf den Boden, dann antwortete er mir, ohne mich dabei anzusehen: „Um ehrlich zu sein, ich halte das für keine gute Idee!  Ich befürchte, dass wenn du den Zustand deines Vaters sehen würdest, deine Gedanken ständig nur bei ihm sein würden. Du musst immer einen klaren Kopf behalten, wenn du Draculas Reich betreten hast, ansonsten bist du verloren. Deswegen solltest du versuchen deine Gedanken und die Trauer zu unterdrücken. Ich weiß, ich verlange sehr viel von dir, aber es ist wichtig!“ Ich stand reglos an einen Baum gelehnt und schaute traurig in den Himmel. Ich beobachtete die an mir vorüberziehenden Wolken, die ständig ihre Gestalt veränderten. Radu legte mir seine Hand auf die Schulter und sagte: „Mädchen, sei nicht traurig, das wird schon alles wieder werden.“ „Nichts und niemand kann mir meine geliebte Mutter und meine Geschwister zurück bringen. Auch meine Freunde werde nicht wieder lebendig. Ich hoffe nur, es geht ihnen gut, wo immer sie nun auch sind!“ murmelte ich leise und ein leises Schluchzen entwich meiner Kehle.
Radu seufzte. „Siehst du dort hinten die zwei toten Bäume?“ Ich nickte stumm. „Wenn du an denen vorbei gegangen bist, wirst du in einer ganz anderen Welt landen.“ „Warum? Auch hinter den Bäumen sieht alles gleich aus. Dieselbe triste Landschaft...“ „Du wirst schon sehen was ich meine.“ Er hob die braune Ledertasche auf und drückte sie mir in die Arme. „Pass gut auf dich auf.“ murmelte er leise.


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