Carries komische Werkstatt
  Der Schatz bei den Katakomben 5
 


Sehr langsam glitt ich durch das Grau und mir war es beinahe kaum möglich, mit dem Tempo des Geschöpfs mitzuhalten. Nachdem ich es nach kurzer Zeit aus den Augen verloren hatte, ließ ich mich einfach nur schwerelos dahin tragen. Als ich mich hoffnungslos etwas genauer umsah, fiel mir etwas verwunderliches auf. Auch wenn der erste Eindruck dieser seltsamen Welt surrealistisch war, so hatte ich doch das Gefühl, dass sie ein verzerrtes Ebenbild der Katakomben darstellte. In den nebulösen Silhouetten konnte man mit ein klein wenig Fantasie, die vielen engen Gänge des Labyrinth erkennen – wenn auch nur schemenhaft.

„Wieso folgst du der Gestalt nicht?“ wollte der Kater plötzlich in einem harschen Ton wissen, und riss mich aus meinen Gedanken. „Ich dachte, du möchtest deine Schwester retten...“ „Natürlich möchte ich das, Ion. Aber ich bezweifle, dass dieses Schattenwesen Seren ist und ich möchte keinen unnötigen Kampf führen, verstehst du? Es gibt sicher noch einen anderen Weg hier raus.“ „Aber was ist, wenn du dich irrst, und es sich doch um Seren handelt? Vielleicht ist dies hier der Ort, an dem sie lebt. Ihr Reich, in dem sie sich wohl fühlt – das sie nur verlässt, wenn sie außerhalb einen Auftrag zu erledigen hat.“ „Diese Gestalt sprach davon, dass wir zu Schatten werden sollen, ein Teil dieser Welt. Seren hingegen, verwandelt jemanden zu Stein, nicht aber zu einem Schatten!“ versuchte ich meinem pelzigen Begleiter zu erklären, doch dieser war nicht vom dem, was ich erzählte überzeugt. „Ja, sie macht Steinfiguren aus ihren Opfern und zertrümmert diese in tausend kleine Teile. Aber was geschieht mit der Seele des Gepeinigten? Vielleicht verwandelt sich diese zu einem Schatten, und wird in dieser Welt gefangen gehalten!“ Einträchtig nickte ich Ion zu und rollte genervt mit den Augen. “Schon gut, schon gut!  Wir werden sehen, was es mit dieser Welt und dem Schattenmonster auf sich hat. Aber wehe, wir tappen hier in eine Falle, dann lasse ich dich hier zurück!” rief ich ihm schnippisch zu und versuchte mit aller Kraft, die Fährte des Wesens zu verfolgen.
Für einige Momente ließ ich mir die Worte des Katers noch einmal durch den Kopf gehen. Alles klang so furchtbar verwirrend und unrealistisch. Doch eigentlich brauchte ich mich über gar nichts mehr wundern, denn hier geschahen nur merkwürdige Dinge am laufenden Band.

“Wo ist es bloß hin? Es ist ja beinahe unmöglich, dieses Ungeheuer hier wieder zu finden…” sprach Ion in Gedanken vertieft, und murmelte nach einer kurzen Pause weiter. “Ich kann weder etwas riechen noch hören - außer den Wind und die Schreie der Schattenmenschen.” Verbittert knirschte ich mit den Zähnen, während mir ein eiskalter Hauch entgegen schlug und ein seltsames Gefühl sich in mir breit machte. “Also ich weiß nicht, Katerchen. Aber ich glaube, wir sind näher an ihr dran, als du glaubst. Sieh dir doch einfach mal die Silhouetten um uns herum an. Man kann deutlich die Gänge erkennen und wenn ich mich nicht irre, ist dort vorn ein riesiger Raum. Ich denke, wir sind auf dem richtigen Wege!”

Mürrisch versuchte ich an Tempo zu zulegen, doch das war gar nicht so einfach. Denn der Wind wurde immer stärker und trieb mich zurück. Als ich atemlos dem Hallen ähnlichen Umrissen näher kam, zischten die unheimlichen Schatten an uns vorbei und bildeten vor uns eine lange Reihe. Es schien mir fast so, als ob sie uns den richtigen Weg zeigen wöllten, da sie mit ihren grauen Armen in Richtung Saal deuteten, aber es konnte natürlich auch nur eine Vorbereitung für einen Angriff sein. Langsam ließ ich mich von den Böen an ihnen vorbei tragen, während ich die Gestalten genaustens im Auge behielt. Sie schwebten steif in der Luft, wie kleine Zinnsoldaten.
„Flieg nicht so nah an ihnen vorbei!   Das könnte eine Falle sein.“ flüsterte Ion mir zaghaft zu und schlug mir mit seinen Tatzen auf den Kopf. „Lass das!“, herrschte ich ihn an, als ich plötzlich bemerkte, wie die Umrisse der Halle und der Gänge verschwanden. Nun war alles Grau in Grau, nirgends war mehr etwas zu sehen, außer die Körper und Fratzen der Schatten, die eine lange, lange kerzengerade Linie bildeten.

Als wir an den letzten zwei Erscheinungen vorüber wallten, ertönte ein leises, kaum hörbares zischen. Unsicher blickte ich mir über die Schulter und meine Augen weiteten sich. Zwei tief schwarze Pupillen, die aussahen wie Schlitze, fixierten uns und ich erstarrte für einen Moment.
„Vorsicht!“ kreischte der Kater wild, während er mit ausgefahrenen Krallen vor meinem Gesicht herumfuchtelte. „Da ist es!“
Erschrocken entwich mir ein grelles Quieken, während ich auf der Stelle zurück wich und das Monster geschockt anstarrte. Doch plötzlich bemerkte ich einen stark schmerzenden Druck an meiner linken Wade und kaum hatte ich an mir hinunter geschaut, da wurden wir in das tiefe Nichts geschleudert. Leise stöhnend versuchte ich die Geschwindigkeit etwas abzubremsen, was mir nach einer kurzen Sekunde auch gelang. „Ist alles in Ordnung, Ion?“ fragte ich besorgt und sah mir über die Schulter, wo er jedoch nicht zu sehen war. „Ion!“ fragte ich nun in einem strengeren Ton und blickte mich um. „Komm schon raus!   Wir haben keine Zeit zum verstecken Spielen...“ Eine leichte Panik überkam mich - was, wenn ihm etwas zu gestoßen war? „Wo kann er nur sein?!“ murmelte ich. Meine Gedanken drehten sich nun nur noch um den Kater. An nichts anderes konnte ich mehr denken. Meine Lippen begannen unkontrolliert zu zittern und kein Ton kam mehr aus meinem Mund. Wenn ihm etwas geschehen war, könnte ich mir das nie verzeihen.

„Sucht du vielleicht ihn?“ konnte ich auf einmal eine merkwürdige Stimme fragen hören, die ich vorhin schon eimal gehört hatte. Sie klang kratzig und rau, so, als ob sie einem starken Raucher gehören würde. Als ich diese hörte, brodelte eine ungeheure Wut in mir auf. Hastig legte ich den Kopf in den Nacken und betrachtete erneut das schaurige Wesen, das über mir schwebte.

Diesmal war es nicht in seiner üblichen Schattengestalt, sondern es zeigte sein wahres Gesicht. Es hatte rötliche Haut, mit kleinen glänzenden Schuppen, die fast aussahen, wie die einer Schlange. Ihre Haare waren lang und tief rot, zerzaust und wehten leicht hinter ihr her. Die Augen waren zu engen Schlitzen verengt und ihre Pupillen waren kaum zu sehen, da sie schwärzer waren, als alles was ich je vorher gesehen hatte. Am Rücken des Ungeheuers, waren riesige Flügel und auf dem Kopf trug es eine seltsame Krone. Als ich meine Augen über ihren seltsamen Körper gleiten ließ, bemerkte ich plötzlich, dass sie eine kleine steinerne Figur in ihren Armen hielt. Mir stockte der Atem als ich erkannte, das sie die Umrisse einer Katze besaß und ich wusste sofort wen ich vor mir hatte.

„Du bist also Seren, die die alle in Stein verwandelt...“ flüsterte ich leise und sah dabei zu, wie das rote Wesen eine Augenbraue leicht anhob. „Wie ich sehe, kennst du mich schon. Verrätst du mir deinen Namen? Ich möchte wissen, wer mein nächstes Opfer ist.“ lachte es hämisch und hielt Ion triumphierend in die Luft. „Du wirst genauso enden, wie dein kleiner Freund hier!  Ihr werdet ein Teil meiner Welt und ich freue mich schon darauf mit dir zu spielen!“ Wütend schnaufte ich und ballte meine Hände zu Fäusten. Serens Worte machten mich furchtbar zornig und ich musste mich tierisch zurückhalten. „Sag mir lieber erst, was du bist!“ rief ich ihr zu und wich einige Zentimeter zurück. Ich fixierte mich auf Ions steinernen Körper, um zu vermeiden, ihr in die Augen zu sehen. Seren entwich ein vergnügtes Quietschen. „Ich bin eine Seelenfresserin.“ „Eine Seelenfresserin? Und was soll das bitte sein?“ „Ich nehme die Seelen anderer Lebewesen in mir auf und somit auch ihre Kräfte und ihr Wissen. So werde ich immer mächtiger und irgendwann kann selbst Dracula mir nichts mehr anhaben!  Ich werde einst das Universum regieren und alles in dunkle Schatten hüllen. Auch deine Magie werde ich mir aneignen. Sie wird mich einen Schritt näher an mein Ziel bringen. Und jetzt lass uns spielen!“ „Pah, das werde ich niemals zulassen!  Du bist nicht mehr als eine größenwahnsinnige Irre!  Du willst spielen? Das kannst du gerne haben!  Mal sehen, wie du so einen kleinen Feuerball verträgst...“ Sofort konzentrierte ich mich einzig und allein auf meine Kräfte. Doch egal wie sehr ich mich anstrengte, ich konnte meine Magie nicht zu einem Feuerball bündeln. „Ha, nutzlos!  Du kannst machen was du willst. Überall hier in den Katakomben ist eine Magiebarriere, du kannst hier nicht deine kleinen süßen Attacken benutzen.“ Erschrocken zuckte ich zusammen. Das konnte doch nicht wahr sein!  „Wenn ich meine Magie nicht benutzen kann, dann bin ich wehrlos. So kann ich ihr nichts anhaben... Verdammt!“

Kleinlaut wich ich erneut vor Seren zurück. Ich befand mich in einer sehr gefährlichen und misslichen Lage. Wie sollte ich jemals hier raus kommen, wenn ich meine Kräfte nicht benutzen konnte? Nervös biss ich mir auf die Unterlippe und beobachtete jede Bewegung, die die Rothaarige machte.

„Jetzt hast du Angst, hab ich recht?“ sprach Seren mit spottender Stimme. „Das kann ich sehr gut verstehen. Ich bin dir nun hochhaus Überlegen und du hast keinen hauch von Chance gegen mich. Eigentlich schade, dass ich mir nicht ansehen kann, welche Macht du besitzt. Ich hätte gerne gesehen, welche neuen Zauberkräfte ich mir aneignen werde. Aber egal, ich denke, ich werde auch so meinen Spaß mit dir haben.“ Wieder lachte sie schrill auf. „Hier fang!“ rief sie plötzlich und im letzten Augenblick konnte ich sehen, wie sie mir den zu Stein gewordenen Ion zu warf. Ich reagierte sofort und fing ihn mit den Händen auf. Fest drückte ich Ion an meine Brust und strich ihm über den kalten Kopf. „Es tut mir so Leid, dass ich dich nicht beschützen konnte, mein kleiner Kater. Hätte ich dich doch bloß nicht mitgenommen!  Dann wäre dir das alles nicht passiert.“ Mitleidig sah ich ihm in die starren grauen Augen, in denen sich kein funke Leben mehr befand. „Oh, es tut mir so Leid!“

Als ich plötzlich bemerkte, dass Seren leise etwas vor sich hin murmelte, hob ich hasserfüllt den Kopf und blickte sie rasend an. „Kommt herbei meine Diener, kommt zu mir.“ flüsterte sie leise und streckte ihre Arme kerzengerade in die Luft. Schon nach wenigen Sekunden kam ein fürchterlicher Wind auf und eine kleine Armee von Schatten – nein, von Seelen – reihte sich hinter ihr auf. Es mussten hunderte oder gar tausende von geraubter Seelen sein, die nun zu ihren Sklaven geworden waren.
„Sieh dir meine kleine Sammlung genau an. Bald werde ich noch zwei Exemplare in ihr haben. Obwohl, deine Seele werde ich sofort in mir aufnehmen. Und nun meine Untertarnen, zeigen wir ihr mal, wie mächtig wir schon sind. Vereinigt eure Kräfte, bündelt euer Wissen und bildet Wesen, die so arg schrecklich sind, dass die Kleine sich wünscht nie existiert zu haben!“ Erschrocken weiteten sich meine Augen und mein Kiefer klappte erstaunt nach unten. „Was hat sie bloß vor? Sie ist wahnsinnig!“

Staunend und zugleich voller Angst erstarrt, beobachtete ich das Spektakel, das sich vor meinen Augen abspielte. Es war einfach schrecklich!  Langsam veränderten sich die Formen der verlorenen Seelen - sie wuchsen zu riesigen Monstern heran, die ich mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Sie waren viermal größer als ich selbst, hatten glitschige glänzend grün bläuliche Haut. Ihre Körper waren übersät mit Warzen und kleinen organgenen Haarstoppel. Auf ihrer länglichen Schnauze, wo scharfe spitze Zähne hervor lugten, befand sich ein riesiges Horn, woran sich ein wenig Blut befand. Ihre Augen waren feuerrot und sie glühten mich förmlich an. Mein Körper bebte fast vor Angst.

„Hört auf!  Das könnt ihr nicht tun!  Ihr wart einst selbst Menschen...“ schrie ich aufgebracht und versuchte mit meinen Worten die Verwandlung der Seelen aufzuhalten. „Spar dir deinen Atem zum fliehen!  Deine Worte sind nutzlos. Sie stehen nun unter meiner Fuchtel, sie sind meine Diener und sie hören nur auf mich, auf niemand anderes sonst!“ „Damit wirst du nicht durchkommen!  Dracula wird dich bestrafen, wenn du mir etwas tust!  Immerhin will er sich mit mir verbünden...“ rief ich wütend und versuchte Seren einzuschüchtern. Doch statt ängstlich zu reagieren, lachte sie erneut quietschig auf. „Denk doch einmal nach!  Er möchte sicher nicht mit dir zusammenarbeiten, weil du ein hübsches Mädchen bist, nein. Er hat Angst vor deinen Kräften, deswegen möchte er dich an seiner Seite haben. Mit dir hat er noch mehr Macht. Wenn ich deine Zauber besitze, wird er sich auch vor mir fürchten - da bin ich mir sicher!“ Ich knurrte vor Wut und schlug mir ärgerlich mit geballter Faust gegen den Schenkel. „An ihren Worten ist leider etwas dran, das muss ich zugeben...“ dachte ich stumm in Gedanken und schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf.

Die Kreaturen, deren Verwandlung nun abgeschlossen war, versammelten sich kampfbereit hinter ihrer Herrscherin. Als ich dies sah, machte ich mich ebenfalls bereit – ich musste es auf jeden Fall schaffen, ihren Attacken auszuweichen. „Wenn sie mich verletzten, ist alles aus. Soweit darf es nicht kommen!“


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