Carries komische Werkstatt
  Arme Nyria 3
 


„Oh nein, Nyria!“ rief ich aufgeregt und lief in eine andere Ecke meines Gefängnisses, von wo ich die Grauhaarige genau beobachten konnte. „Du musst aufstehen und dich wehren, sonst wird er dich töten!“
Fumé ging mit langsamen Schritten auf die Magierin zu, doch als er sah, dass sie sich schwankend aufrichtete und nach einem Flächen, das auf dem Zutatentisch der Hexe stand, griff, blieb er stehen und musterte sie misstrauisch. Taumelnd drehte sich Nyria um, den Blick auf die Flasche mit der Flüssigkeit gerichtet, sagte sie leise: „Es tut mir Leid, dass ich dir Schmerzen zufügen muss, doch es geht nicht anders. Verzeih...“ Mit diesen Worten zog sie den kleinen Korken aus dem Glas und schleuderte die Ampulle auf den Blonden. Das Flächen traf seinen Kopf und das Glas zersplitterte sofort. Die Flüssigkeit ergoss sich über ihn und sein Körper begann zu dampfen. Er schrie laut auf und wankte nach hinten, bis er stolperte und Rikane mit zu Boden riss. Die Gitterstäbe um mich herum verschwanden und ich lief sofort auf Nyria zu, die sich langsam wieder zu Boden sinken ließ. Wahrscheinlich hatte sich der Käfig aufgelöst, weil Rikane all die Sachen mit ihren Gedanken steuerte und nun abgelenkt war.

„Was war das!?“ fragte Fumé unter Schmerzen jaulend, als die Hexe ihn von sich runter schubste. „Weihwasser...“ gab Nyria ihm knapp zur Antwort und senkte den Blick. Als ich sah, dass Rikane sich unter großer Mühe wieder aufrichtete, sprang ich auf und trat mit voller Wucht gegen einen alten Holzeimer, der bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, auf sie. Und tatsächlich traf er die Hexe, die nun ebenfalls fürchterlich schrie. Ich rannte auf sie zu, um noch einen Feuerball hinterher zu schleudern, doch ein seltsamer roter Nebel, der nach Schwefel roch, bildete sich um sie.

„Was hast du getan, du dummes Kind!? Oh, ich gehe ein, ich verdunste. Das kann doch nicht sein!“ jammerte Rikane und ich blieb blitzartig stehen. Ungläubig konnte ich beobachten, wie sich ihr Körper langsam aufzulösen begann. Doch bevor sie komplett verschwand, murmelte sie: „Ich werde nicht die einzige sein, die verschwindet!  Du wirst mit mir sterben!“ Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf die am Boden kauernde Nyria, auf die einige Sekunden später ein heller Lichtstrahl zu sauste.

Blut spritzte in die staubige Luft und ich sah, wie die Magierin mit einem qualvollen Schrei in sich zusammen sank. Ich wollte aus Leibeskräften schreien, doch ich brachte keinen Ton hervor. Während ich schnell zu ihr eilte, konnte man Rikanes triumphierendes Lachen hören, das sich aber aber nach kurzer Zeit in einen leidvollen Todesschrei verwandelte, der mich zusammen schaudern ließ.
Nyrias Gesicht war blutverschmiert und ihre Augen wirkten starr und eisig. Als ich ihren Körper berührte und sie vorsichtig in meine Arme zog, genau darauf bedacht, ihr nicht noch mehr Schmerzen zu zufügen, als sie schon hatte, zuckte sie kurz zusammen. Röchelnd blickte sie mich an und sprach unter großer Mühe: „Bitte Stela, schenk mir den Tod. Den Tod, mehr will ich gar nicht, bitte, ich flehe dich an, Stela!“ Ich legte ihr beruhigend meine Hand auf den Hinterkopf und drückte sie etwas fester an mich. Ihr Herz raste und ich konnte ihre Angst förmlich spüren. „Psst, Nyria, es ist vorbei. Rikane ist besiegt, es ist vorüber.“ sagte ich leise, während ihr die kleinen Blutspritzer das Gesicht entlang tropften. „Außerdem, ich kann dich nicht töten, egal wie sehr du es dir wünschst. Wir sind doch Freundinnen, und sobald das hier alles überstanden ist, werden wir ganz viele Sachen miteinander unternehmen. Bitte, gibt jetzt nicht auf, Nyria!  Du bist stark, dass weiß ich.“ Ein dichter Tränenschleier nahm mir die Sicht, doch mit großer Mühe, kämpfte ich die Tränen zurück, die in meinen Augen brannten und hinaus wollten.
„Versprichst du mir das, Stela?“ fragte die Grauhaarige und eine Strähne ihres Haares, fiel ihr ins Gesicht. Ich nickte stumm und lächelte ihr tröstend zu, als ich ihr das Haar sanft aus dem Gesicht strich. Sie erwiderte das Lächeln für einen kurzen Moment, bis sie plötzlich wissen wollte: „Was ist mit Fumé? Lebt er noch?“ Ich warf mir unsicher einen Blick über die Schulter und sah zu Fumé, der reglos am Boden lag. Sein Körper dampfte noch immer ein wenig von dem Weihwasser, das er überbekommen hatte. Ich schüttelte leicht mit dem Kopf und sagte: „Ich weiß nicht. Können Vampire denn an Weihwasser sterben?“ Nyria zuckte mit den Schultern und verzog ihr Gesicht zu einer schmerzverzerrten Miene. „Ja, von einer großen Menge schon, aber in dem Flächen war nicht viel drinnen. Schaust du bitte mal nach ihm!?“ bat sie mich und griff mit ihren Fingern nach dem Ärmel meines Kleides. Ich nickte erneut leicht und legte sie vorsichtig zurück auf die kalte Erde.
Dann ging ich mit langsamen und unsicheren Schritten auf den blonden Vampir zu, der sich noch immer nicht gerührt hatte. Ich kniete mich vor ihn und streckte meine Hand nach ihm aus, mit der ich ihn dann leicht schüttelte. „Hallo, geht es dir gut? Kannst du mich hören!?“ murmelte ich leise und fuhr erschrocken auf, als Fumé plötzlich aufschreckte und vor mir zurück wich.
„Wer bist du, und wo bin ich hier!?“ rief er erschrocken und legte sich eine Hand auf die Stirn. „Arg, diese Schmerzen!“ Der Blonde schien nun nicht mehr auf der Seite des Bösen zu stehen und all das, was eben geschehen war, vergessen zu haben. Ruhig ging ich einige Schritte auf ihn zu und sprach: „Hab keine Angst vor mir, es ist alles in Ordnung. Mein Name ist Stela und du befindest dich hier in Draculas Schloss. Kannst du dich tatsächlich an nichts mehr erinnern!?“ Der Angesprochene nickte und sah sich zaghaft um. Als er Nyria entdeckte, sprang er auf und rannte hastig auf sie zu. Er nahm sie schützend in seine Arme und fragte besorgt: „Oh mein Gott!  Was ich geschehen, wer hat dir das angetan?“ Der Vampirkrieger warf mir einen hasserfüllten und wütenden Blick zu, da er wohl dachte, dass ich für den schlechten Zustand der Weißmagierin verantwortlich sei. „Fumé, zum Glück, es geht dir gut und du bist wieder der Alte. Stela hat mir nichts getan, nein!  Sie ist meine Freu... Freundin und hat mich die ganze Zeit über beschützt. Weißt du,... du standest unter dem Einfluss... Einer bösen Hexe, die dich dann hierher ge... gebracht hatte, damit du ihr und Dracula dienst. Stela hat mir bei der Suche nach dir geholfen, und dank ihr habe ich es geschafft, dich wiederzufinden. Ohne sie wäre es mir wohl nicht möglich gewesen, dich jemals wiederzutreffen, Liebster.“ Nyria hustete gequält und so ging ich besorgt auf sie zu. Ich griff in meine Rocktasche und zog die letzte Ampulle mit dem heilenden Wasser von Bogdana hervor. „Es ist das letzte Flächen, das ich noch habe, und es könnte mir in Notfällen helfen,... doch jetzt ist ein Notfall!  Nyria braucht es...“ dachte ich mir stumm in Gedanken und setzte mich wieder neben der Grauhaarigen auf den Boden. Fumé musterte mich bei jeder Bewegung die ich tat, genau. Vielleicht misstraute er mir.
„Deine Schmerzen werden bald vorüber sein, Nyria. Ich habe noch ein Flächen mit dem Quellwasser, es wird dich, wie mich vor wenigen Stunden bei Assiru, heilen.“ Mit diesen Worten rieb ich mir die Hände mit der leicht bläulichen Flüssigkeit ein und strich mit ihnen sanft über die Verletzung der Magierin. „Zum Glück hatte Rikane nur ihre Schulter getroffen...“ dachte ich mir und sah dabei zu, wie sich die tiefe Wunde langsam schloss. Schon nach kurzer Zeit, war all das Blut verschwunden und Nyrias Schmerzen waren verflogen. Als sie sich lächelnd aufgesetzt hatte, sagte Fumé leise zu mir: „Ich danke dir für all das, was du für Nyria getan hast. Du hast uns wieder zusammen gebracht.“ Die Grauhaarige nickte zustimmend. „Ja, er hat recht!  Ich danke dir von ganzem Herzen... Du hast soviel für mich getan!  Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken kann!“
Ich schüttelte heftig mit dem Kopf und sprach: „Du brauchst dich nicht zu bedanken und du musst auch nichts wiedergutmachen. Ich konnte dich immerhin schlecht allein an der Ruine stehen lassen!  Wer weiß, was dir alles hätte passieren können.“ Nyria blinzelte mit den Augen und ein schüchternes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. „Wir sollten zurück zur Halle gehen. Vielleicht warten die anderen schon auf uns.“ sagte die Magierin daraufhin und nickte energisch zu mir herüber. „Ja, lasst uns gehen!“ rief ich und mit einem entschlossenen Strahlen, krämpelte ich die Ärmel meines Kleides etwas nach oben. Langsam erhob ich mich und griff Nyria unter die Arme, um ihr beim aufstehen zu helfen. Fumé tat es mir gleich und als die Grauhaarige auf den Beinen stand, drückte er ihr einen Kuss auf die Stirn, während er ihr über das zerzauste Haar strich. „Sobald wir wieder zu Hause sind, erzählst du mir alles was geschehen ist, in Ordnung!?“ fragte der Blonde sie und umschlang dann ihre Hüfte mit seinen Armen. Unendlich sanft lehnte er seine Stirn an ihre, und beide schlossen für einen Moment die Augen. Mit verschränkten Armen ging ich ungeduldig in der Kammer auf und ab, nur manchmal blieb ich stehen und beobachtete die beiden. Ich war froh darüber, dass sie nun wieder zusammen waren und ich Nyria helfen konnte. Plötzlich begann die Magiern zu lachen und presste Fumé einen kurzen Kuss auf die feuchten Lippen. „Natürlich, aber jetzt müssen wir erstmal weiter.“ flüsterte sie ihm zu und nahm ihn bei der Hand. „Gehen wir!?“ fragte ich unsicher und deutete mit dem Kopf in Richtung Ausgang. Die Grauhaarige nickte und zog den Vampirkrieger hinter sich her.

Gerade als ich einige Schritte vorwärts machen wollte, entdeckte ich Rikanes Zauberbuch, das auf dem Boden neben dem zerknautschten Kleid lag. Zögernd ging ich auf es zu und kniete mich auf die kalte Erde. Kurz hob ich die schwarze Robe etwas an und bemerkte, dass an ihr eine seltsame grüne Flüssigkeit klebte, und so ließ ich sofort angewidert davon ab. Ich ließ meinen Blick zu dem Buch wandern und strich vorsichtig mit der Hand über die raue Fläche, die sich tatsächlich ein wenig wie Menschenhaut anfühlte.
„Und du glaubst, dass sie tatsächlich tot ist, Stela!?“ Erschrocken drehte ich mich um und blickte in das Gesicht von Nyria. Zaghaft zuckte ich mit den Schultern. „Ich denke schon... Es sah jedenfalls so aus, als ob sie gestorben sei...“ antwortete ich mit rauer Stimme und seufzte. „Wie hast du sie denn umgebracht?“ wollte Fumé dann wissen und sah mich fragend an. „Ich habe einen Eimer mit Wasser auf sie geschossen... Und dann begann sich plötzlich, ihr gesamter Körper aufzulösen.“ Aufmunternd legte er seinen Arm um die Schulter der Grauhaarigen und sagte: „Wenn es so war, dann wird sie wohl wirklich tot sein. Rikane ist die Hexe des Südens und ihr Element ist das Feuer. Wasser ist für sie tödlich!“ „Soll das heißen, dass es noch mehr Hexen gibt!?“ rief ich ungläubig und sprang auf. Der Blonde lachte. „Ja, es gibt noch drei weitere Hexen, aber die sind alle gut und setzten sich für das Wohl der Menschen ein. Alle vier sind Schwestern. Rikane war die Älteste und besaß, soviel ich weiß, die stärsten Zauberkräfte von ihnen. Außerdem konnte man sie leicht beeinflussen, was Dracula wohl ausnutzte.“

Ich musterte Fumé kritisch, nickte dann aber leicht.. „Ich verstehe.“ sagte ich seufzend und ließ meinen Blick durch die Kammer schweifen. Meine Augen verrieten meine Erleichterung, darüber, dass Rikane wohl wirklich tot war und wir nicht noch mehr Feinde hatten. Allmählich wandte ich meinen Kopf wieder dem dicken Buch zu und strich mir einige Male über die glatten schwarzen Haare, die mir auf der feuchten Stirn und im Nacken klebten, und brachte sie so noch mehr durcheinander, als sie schon waren. Als ich es für einige Zeit betrachtet hatte, griff ich nach ihm und klemmte es mir unter den Arm. Anschließend stand ich langsam auf und drehte mich um.
„Lasst uns gehen...“ sprach ich leise und machte mich auf den Weg zurück zu Assirus Halle. Nyria und Fumé folgten mir stumm.

Als wir dort angekommen waren, sah ich mich suchend um. Ich musste überrascht feststellen, dass Cosmin und die anderen noch nicht zurück waren. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass sie als erste wieder hier sein würden, aber das waren sie nicht. Für eine kurze Zeit lehnte ich mich gegen eine Wand, bis ich mich an ihr hinunter zum Boden sinken ließ. Ich legte das schwere Zauberbuch neben mich auf den Boden, dann sah ich zu der Grauhaarigen hinauf.
„Was machst du jetzt eigentlich, Nyria? Du hast deinen Liebsten wiedergefunden, werdet ihr jetzt zurück nach Hause gehen?“ fragte ich zaghaft und wendete meinen Blick nicht von ihr ab. Die Angesprochene starrte zu Boden und ich konnte ihr sofort ansehen, dass sie unentschlossen, hin und her gerissen war. „Ich weiß nicht,“ begann sie leise zu sprechen, „eigentlich würde ich sehr gern wieder zurück in meine Heimat gehen, aber irgendwie glaube ich, dass ich es dir schuldig bin, dir weiterhin zu helfen. Außerdem habe ich Angst, dass wir uns nicht wiedersehen, wenn ich jetzt gehe, Stela!“ Ich schüttelte leicht mit dem Kopf. „Nyria, du bist mir nichts schuldig!  Du hast Cosmin und mir schon genug geholfen, und wenn du möchtest, kannst du gern wieder nach Hause gehen.“ Ein bitteres Lächeln huschte auf meine Lippen. Eigentlich wollte ich nicht, dass sie geht, da ich mich ohne ihre Anwesenheit wohl einsam fühlen würde. Denn die anderen waren nicht so heiter wie sie. Doch sie hatte nun den gefunden, wegen dem sie hier war und konnte nun wieder Heim. Außerdem wollte ich nicht, dass ihr jetzt noch etwas zu stößt.
„Ja aber, was ist, wenn wir uns tatsächlich nicht mehr wiedersehen? Du hast mir doch versprochen, dass wir noch viel miteinander unternehmen werden...“ entgegnete die Magierin enttäuscht und sah mich schwermütig an. Ich überlegte kurz und legte mir den Zeigefinger auf die Unterlippe. „Einige Stunden von hier entfernt, gibt es eine Villa, die den Namen Villa de lune trägt.“ „Die kenne ich!“ rief Fumé und verschränkte seine Arme. „Gut, dort könnt ihr hingehen und euch erstmal etwas ausruhen. Sobald das hier alles überstanden ist, werde ich dann auch dorthin kommen. Zur Zeit sind da Câtâlin ein Vampirjäger und Ion ein kleiner sprechender Kater, die auf die Villa aufpassen. Sagt ihnen, dass ich euch geschickt habe, dann werden sie euch sicher reinlassen.“


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