Carries komische Werkstatt
  Ohne Ausweg?
 

Kapitel 04 - Ohne Ausweg?

Sie warf einen kurzen Blick auf das Kärtchen, dann lächelte sie aufmunternd: „Wenn wir sie sehen sollten, werden wir uns melden, versprochen.“ „Vielen, vielen Dank. Ich hoffe, dass ihr sie zufällig seht und mehr Glück habt, als ich. Ich muss jetzt weiter. Danke nochmal.“ Mit einem verabschiedenden Nicken, kurbelte er wieder das Fenster seines Wagens zu und startete den Motor. „Viel Glück!“ rief ich laut und winkte Adan hinterher, als er langsam die Schotterstraße entlang fuhr. Einige Zeit sahen wir ihm noch hinterher, bis das rote Auto hinter einem der Häuser verschwunden war.

Mit einem Seufzen steckte sich Camilla die Visitenkarte in die Hosentasche und ging langsam zurück zu unserem Fahrzeug. Langsam folgte ich ihr, und öffnete die Beifahrertür. Gerade als ich mich hinsetzten wollte, bemerkte ich, dass ich meine Handtasche nicht mehr bei mir trug. Verzweifelt sah ich mich um, bis mir wieder einfiel, dass ich sie drinnen im Haus abgestellt hatte.
„Cami, kommst du gerade mit darein? Ich habe meine Tasche drinnen liegen lassen...“ fragte ich beschämt meine Freundin und deutete mit einer kurzen Geste auf die zweistöckige Baute. „Wieso? Kannst du sie nicht schnell allein holen!? Du bist doch kein kleines Kind mehr, Fleur!“ Ich legte die Stirn in Falten und sah die Blonde bittend, fast schon flehentlich, an. Genervt rollte sie mit den Augen und gab schließlich nach. „Gut, dann komm!“ Sie schnaubte leise und stampfte mit hastigen Schritten durch den Schnee, geradewegs auf die alte morsche Haustür zu. Dumpf hallten ihre festen Schritte durch die Straßen, bis sie kurz vor dem Eingang halt machte. Ihr Kopf hing entspannt nach unten, ihre strohblonden Haare wehten im Wind und hingen ihr ins Gesicht. Für einige Zeit verharrte sie dort so, bis sie plötzlich ihre Arme wild durch die Luft schwang.

„Sag mal, willst du da Wurzeln schlagen, oder warum kommst du nicht?“ fragte Camilla lautstark und etwas gereizt. Tranig wich ich zurück und sah die Blonde erschrocken mit weit aufgerissenen Augen an. „Ja ja, ich komm ja schon!“ rief ich und eilte durch den Schnee, der unter der Last meiner Schritte leise knirschte.

„Ich glaube, ich hatte sie oben im Flur abgestellt...“ murmelte ich vor mich hin und meine Stimme hallte etwas durch den fast kahlen, nüchternen und hohen Raum, während ich mich unsicher umsah. Bei jeder Bewegung, die wir taten, knarrte der alte Fußboden unter unseren Füßen und die kleinen Absätze unserer Schuhe, klackten in gleichmäßigen Abständen. Als mir wieder dieser seltsame Geruch in die Nase stieg, konnte ich mir ein leises Würgen und Husten nicht verkneifen. Für einen kurzen Moment hielt ich angewidert die Luft an und drückte mir so fest wie ich nur konnte, die rechte Hand auf Mund und Nase, um mich nicht übergeben zu müssen.

„Woher kommt bloß dieser unerträgliche Gestank?“ fragte ich mich erneut in Gedanken und schlich durch den Türrundbogen, geradewegs auf die alte, morsche Treppe zu. Als ich noch einmal meine Augen über die einzelnen Stufen schweifen ließ, musste ich erschrocken feststellen, dass plötzlich noch viele weitere rote Farbkleckser auf dem dunklen Holz zu sehen waren. Diese waren noch frisch und nicht, wie die anderen schon getrocknet.

„Camilla, schau dir das an!“ flüsterte ich aufgeregt und zeigte entgeistert mit dem Zeigefinger auf die Stiege. „Was ist denn los?“ wollte Cami besorgt wissen und trat hinter mich. Als ihr Blick auf die Stufen fiel, sagte ich: „Die Flecken waren eben noch nicht da!  Dass weiß ich ganz genau!“ „Hm, stimmt... Sie sind auch noch ganz feucht.“ stellte die Blonde unsicher fest und schnupperte kurz an ihrem Finger, mit dem sie in die seltsame Flüssigkeit gefasst hatte. „Also, wie Farbe riecht das Zeug nicht...“ „Jemand muss in der Zeit, wo wir draußen waren, hier drin gewesen sein!“ rief ich und starrte meine Freundin sorgenvoll an. Diese nicke kurz einmal bedenklich und sprach dann nach kurzem zögern: „Los!  Geh schnell deine Tasche holen und dann nichts wie weg von hier!“

Mit schnellen Schritten eilte ich hinauf in den oberen Stock, wobei ich einige Male über die Kanten der Treppenstufen stolperte und somit einen riesen Lärm verursachte. Als ich in dem langen und dunklen Flur angekommen war, musste ich einmal heftig den dicken Kloß in meinem Hals hinunter schlucken. Umso länger ich in die Dunkelheit starrte und angestrengt nach schon längst vergangenen Geräuschen lauschte, umso mehr machte sich das Gefühl in mir breit, beobachtet zu werden. Mit einem leichten Kopfschütteln, versuchte ich die Gedanken und Gefühle zurückzudrängen.
Als ich einige Schritte auf den kleinen Tisch, neben dem ich vorhin die Tasche abgestellt hatte, zuging, musste ich feststellen, dass diese dort nicht mehr stand. Ich ließ mich auf die Knie fallen und schaute unter dem Tisch nach. Vielleicht hatten Cami oder ich, sie ausversehen beim vorbeigehen unter ihn getreten. Doch auch dort war sich nicht zu finden.

Plötzlich war ein dumpfer Knall zu hören, der wohl von unten gekommen war. Ich schreckte sofort hoch und stieß mir dabei auch noch den Kopf an der scharfen Tischkante. Leise fluchend krabbelte ich über den eisigen Boden, bishin zu den Treppenstufen. Vorsichtig lugte ich hinunter.
Die Haustüre, die wir nur etwas angelehnt hatten, war geschlossen und Camilla verschwunden!  Unsicher sah ich mich um. „Wo ist sie bloß hin!?“ schoss es mir durch den Kopf und ich rappelte mich langsam wieder auf. Unsicher stieg ich die Treppe hinab, bis ich wieder auf dem kalten, schwarzen Marmor stand.

„Camilla? Wo bist du?“ rief ich in einem leisen Ton, der wohl nicht mehr als ein Flüstern war. „Cami!?“

Aufgeregt und mit einem wild pochendem Herz, horchte ich in die Stille. Doch das einzige, was zu hören war, war der jaulende Wind und das schrille quietschen des schlecht geölten Laternengriffs. Gerade als ich auf eine der vielen Zimmertüren zu ging, konnte ich erneut ein Rascheln und Poltern hören, das tatsächlich von hier unten kam. Diese Geräusche kamen ganz aus meiner Nähe. Unsicher und verängstigt, drehte ich mich um und mein Blick fiel auf eine Tür, die nur einen Spalt weit offen stand.
Mit langsamen Schritten ging ich vorsichtig auf sie zu und war genau darauf bedacht, ja keine lauten Geräusche zu machen. Zitternd legte ich eine Hand auf das raue Holz und schob schließlich die Tür etwas weiter auf.

„Oh mein Gott, Camilla!“ rief ich entsetzt und lief auf die schäbige, verdreckte Couch zu, auf der meine Freundin bewusstlos lag. Fassungslos schüttelte ich ihren leblosen Körper hin und her, bis ich die riesigen Blutlachen auf dem rötlichen Stoff entdeckte.
„Was ist denn bloß passiert!? Was wird hier gespielt?“
Der Atem der Blonden ging schwer und Schweißperlen liefen ihr aus dem lichten, hellen Haar über die Schläfen. Sie lebte zum Glück noch!  Doch was war geschehen?

Eine wahnsinnige Hitze breitete sich in mir aus, als mir unzählige Tränen in die Augen schossen. Ich spielte mit dem Gedanken, zu verschwinden, schnell das Weite zu suchen. Doch ich konnte Cami doch nicht einfach hier zurücklassen. Verzweifelt ließ ich mich auf den verdreckten, schimmeligen Teppich sinken und starrte in das flackernde Neonlicht, das die Wände hell aufleuchten ließ.
Plötzlich erschien ein riesiger Schatten an der Wand, der sich rasch auf mich zu bewegte. Gerade als ich mich umschauen wollte, spürte ich einen stechenden Schmerz in meinem Kopf. Alles um mich herum, schien sich zu drehten und langsam zu verdunkeln.

Alle meine Erinnerungen verschwanden, als sich der graue, verschwommene Nebelschleier der Dunkelheit langsam lichtete und mir den Zugang ins Hier und Jetzt gewährte. Ein lautes Knacken und ein schrilles Quietschen zog meine Aufmerksamkeit zurück in die finstere Realität. Einige Male blinzelte ich, um meine Augen an das fahle Licht zu gewöhnen, das hier in diesem Raum herrschte. Angestrengt versuchte ich klare Konturen in der Schwärze zu erkennen, die langsam deutlicher wurden und Gestalt annahmen.

Ein stark stechender Schmerz durchfuhr meinen Kopf und ein pochen machte sich in meinen Schläfen breit. Mit einem leisen schmerzerfüllten Stöhnen, versuchte ich meine Hand auf die Stirn zu legen. Doch aus irgendeinem Grund konnte ich mich nicht Bewegen. Als ich panisch an mir hinunter sah, wurde mir klar, dass ich auf einem Stuhl saß und dass meine Hände und Füße an ihn gefesselt waren. Die Fesseln waren so stramm gebunden, dass sie mir nicht einmal den kleinsten Zentimeter Bewegungsfreiheit boten.
Die Kammer, in der ich mich befand, war gewissenhaft abgedunkelt worden. Denn an den Wänden hingen dicke Vorhänge, die die Lichtstrahlen von draußen abfingen. Hohe und kahle Wände umgaben mich, etwas von mir entfernt war eine kleine Tür. Als ich mich weiter unsicher umsah, entdeckte ich ein riesiges Bett, auf dem eine Person ebenfalls gefesselt lag. War das vielleicht Cami?

„Hallo? Camilla, bist du es?“ flüsterte ich leise der Person, die links von mir lag zu. Doch diese reagierte nicht auf meine Stimme. War sie vielleicht tot oder bewusstlos?
Dies war der letzte klare Gedanke, den ich hatte, bevor der schreckliche Schmerz in meinem Kopf die Überhand gewann und mir Tränen in die Augen jagte. Langsam trat eine Person vor mich und hielt mir eine Kerze vors Gesicht. Durch die schlechten Lichtverhältnisse, dauerte es eine Weile, bis ich die riesige Gestalt vor mir erkannte.
Langes Haar, ein schwarzer Mantel mit hochstehendem Kragen, das verhüllte Gesicht. Es war der Mann den ich gestern im Wald hinter einem Baum gesehen hatte!



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