Carries komische Werkstatt
  Das verlassene Dorf
 


Kapitel 1 - Das verlassene Dorf

Ich schaute aus dem Fenster. Bäume, Büsche und weite Felder zogen an mir vorbei. Vereinzelt konnte man auch Häuser oder Dörfer sehen, die in einem tiefen Tal lagen. Der weite Himmel war grau, schwer von Schnee, der nicht fallen wollte. Oben unter den tief hängenden grauen Wolken, flogen ein paar Krähen, die mit langsamen Flügelschlägen ihre Kreise zogen. Die Erde war kümmerlich und dünn mit weiß bedeckt.
„Fleur, schau mal bitte nach, ob wir auch wirklich auf dem richtigen Weg sind. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, das die Strecke nach Candar so einsam und öde war!“ sagte Camilla und deutete mit dem Zeigefinger auf die Straßenkarte, die vor mir auf dem Armaturenbrett lag.
Camilla und ich waren alte Freunde. Wir hatten uns damals in der Grundschule kennengelernt und waren seitdem unzertrennlich. Oftmals war es sehr schwer mit ihr, da sie ein dickköpfiger und hartnäckiger Mensch war, obendrein hatte sie eine Gelassenheit, die oft an der Pforte zur Behäbigkeit kratzte. Doch ich mochte sie so für ihren Humor, ihre Ehrlichkeit und ihre Loyalität Freunden gegenüber.
Ich hob seufzend die Nase in die Luft und griff genervt nach dem Blatt. Für einige Zeit starrte ich es einfach nur stumm an, doch ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wo wir uns gerade überhaupt befanden, da ich die ganze Fahrt bis hierher, nicht auf die Ortsschilder geachtet hatte.
„Ich weiß nicht, Camilla. Wo sind wir denn hier?“ fragte ich beschämt und sah sie fragend an. „Keine Ahnung, hast du denn nicht auf die Beschilderungen geachtet?“ fragte meine blonde Freundin verärgert und stoppte den Wagen an dem Seitenstreifen. Mit funkelnden Augen riss sie mir die Karte aus der Hand und sah sich einmal kurz um, bevor sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Blatt schenkte.

Für eine lange Zeit herrschte Stille. Ich legte meinen Ellbogen auf die Armlehne und stütze meinen Kopf mit den Händen ab. Ich bekam ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, als ich mit meinen Augen der Straße folgte, die so lang und verlassen wirkte. Es ging immer nur geradeaus und die Landschaft hier, war alles andere als abwechslungsreich.
„Was uns jetzt noch zu unserem Glück fehlt ist, dass wir einen Platten bekommen oder das der Wagen nicht mehr anspringt!“ sagte die Blonde ein bisschen amüsiert und ihr Gesichtsausdruck war ironisch. „Uns ist schon lange kein Auto mehr entgegen gekommen... Wir würden hier wahrscheinlich elend zu Grunde gehen.“ sprach sie dann nach einer kurzen Pause weiter. „Wir sind nicht auf dem richtigen Weg, stimmts?“ Camilla nickte. „Ja, ich hätte irgendwo links abbiegen müssen.“ antwortete sie forsch und ließ die Straßenkarte auf ihre Oberschenkel fallen. „Tut mir Leid, wegen mir kommen wir jetzt zu spät ins Hotel.“ Sie schüttelte mit dem Kopf und strich sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht, während sie mit runzelnder Stirn auf die Uhr blickte. „Naja, die Beschilderung war ja bisher auch wirklich mager und ich habe auch nicht wirklich auf sie geachtet, da ich mir sicher war, dass ich den Weg nach Candar genau in meinem Kopf hätte, außerdem habe ich gedacht, dass du auf sie achtest und mir bescheid sagst, falls was wäre." Camilla ächzte leise auf und ließ sich langsam zurück in den Sitz sinken. Aus dem Augenwinkel heraus, spähte ich zu ihr und sagte zögerlich: „Dann müssen wir wohl oder übel die ganze Strecke zurück fahren...“ „Ja, aber nicht mehr heute!  In gut einer Stunde wirds dunkel und ich werde langsam müde. Auf der Karte ist ein Ort eingezeichnet, der nicht all zu weit von hier weg zu sein scheint. Ich schlage vor, dass wir dort hinfahren und nach einer Unterkunft für die Nacht suchen. Dann muss unsere Waldübernachtung und die hübschen Jungs am Hotelpool halt ein wenig warten!“ entgegnete sie enttäuscht und warf einen Blick in den Rückspiegel, kurz darauf drehte sie sich um und sah unsicher aus den Fenstern. Ich tat es ihr gleich, doch als ich nichts entdecken konnte, fragte ich zaghaft: „Ist irgendetwas?“ Sie schüttelte erneut ihren blonden Schopf und antwortete: „Ich dachte, ich hätte jemanden hinter dem Auto stehen sehen. Aber das habe ich mir scheinbar nur eingebildet.“ Mit diesen Worten startete sie den Wagen und fuhr weiter die Straße entlang, die sich unendlich weit hinzog.

Wie Camilla vermutet hatte, war diese Ortschaft tatsächlich nicht sehr weit von uns entfernt. Bereits nach einer halben Stunde, konnten wir am Horizont ein Dorf mit seinen wenigen Häusern und einer kleinen Kirche in der Mitte, durch die Bäume blitzen sehen. Es musste dieses Weiler, das auf der Karte eingezeichnet war sein.
Schon sehr bald darauf, kamen wir in dem Dorf an. Es gab kein Ortsschild und auch die asphaltierte Straße endete dort und war nicht mehr als eine Schotterpiste, auf der wir regelrecht Slalom fahren mussten, da sich die Schotterstraße abwechselte mit riesigen Löchern und Felsbrocken, die uns im Weg waren. Schon von weitem konnten wir sehen, dass die meisten Häuser dort in einen sehr schlechten Zustand waren und erst als wir durch die Straßen des Dorfes fuhren, fiel uns auf, dass die meisten Gebäude keine Fenster besaßen, und wenn, dann waren sie mit Holzbrettern zugenagelt.
Der gesamte Ort schien wie ausgestorben zu sein, da nirgends eine Menschenseele zu sehen war. Alle Läden und die Kirche waren geschlossen.
„Also hier finden wir keine Unterkunft, wenn du mich fragst!“ meinte ich und sah mich unruhig um. Bedenken kamen in mir auf. „Ich glaube, es war doch nicht so eine gute Idee hierher zu kommen, Camilla...“ Meine Freundin lachte amüsiert auf und fragte: „Fleur, hast du etwa Angst?“ „Nein, aber es ist irgendwie unheimlich hier, ich habe kein gutes Gefühl.“
Die Blauäugige brachte das Auto am Straßenrand zum stehen und griff nach ihrer Handtasche, die auf dem Rücksitz lag, anschließend öffnete sie die Tür mit einem Ruck und stieg aus. „He, wo willst du denn hin?“ rief ich ihr zu und sah ihr etwas verärgert hinterher. „Ich möchte mich ein wenig umsehen. Wenn du angst hast, kannst du ja im Wagen sitzen bleiben...“ Mit diesen Worten schlug sie die Autotür mit einem Knall zu und begann davon zu gehen.

Seufzend sah ich mich kurz um, dann stieg ich ebenfalls aus und rannte Camilla nach. „Wa... Warte auf mich!“
Vor einem zweistöckigen Haus blieben wir stehen. Es war das grösste und einzige Haus hier, dass einen zweiten Stock besaß, abgesehen von der Kirche. Kein Laut durchbrach die gespenstische Stille, außer das leise Heulen des Windes. Kein Vogel war zu hören, kein munteres Geschwätz. Es schien fast so, als hätte man die Zeit angehalten...
Eine zerknitterte Papiertüte wurde von der kühlen Brise über den Schotterweg getragen.
„Lass uns wieder zurück fahren, Camilla. Hier werden wir keinen Schlafplatz finden.“ nuschelte ich, als ich ein seltsames Geräusch wahrnehmen konnte. „Aber hier gibt es doch ganz viele Schlafplätze, Fleur. Die Häuser scheinen alle leer zu stehen, dann können wir doch in irgendeinem übernachten.“ entgegnete die Blonde und lächelte zu mir herüber. Ich schüttelte wild mit dem Kopf und rief: „Ich möchte aber in keinem verlassenen Haus schlafen und schon gar nicht in einem, dass in einer Geisterstadt steht!  Außerdem, schau dir dochmal die Gebäude an, die fallen doch in sich zusammen, wenn man sie betritt!“ „Warum stellst du dich denn so an, Angsthase?!  Es ist doch nichts dabei... Und es wird schon nicht zusammenstürzen.“ „Ich will einfach nicht, okay!  Lass uns wieder fahren.“

„Ich fahre jetzt doch nicht die ganze Strecke wieder zurück!  Wir sind hier um uns einen Platz für die Nacht zu suchen, und das tun wir nun auch. Wenn du unbedingt darauf bestehst, dass wir nicht in einem der Häuser schlafen, dann können wir ja auch etwas außerhalb des Dorfes und von der Straße unser Zelt aufschlagen... Die Nacht dürfte es zwar etwas kühl werden, aber die Schlafsäcke die ich gekauft habe, sind schön warm, also dürfte das kein Problem werden.“ schlug die Blauäugige vor und sah an dem alten Gemäuer, das vor uns zum Himmel empor ragte hinauf. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und nickte einverstanden mit dem Kopf. Dieser Vorschlag gefiel mir zwar auch nicht, da diese Gegend hier sehr verlassen und unheimlich wirkte, doch es war mir tausendmal lieber, als in diesen Hütten zu schlafen. Außerdem hatten wir ursprünglich eh vor gehabt, in Candar Zelten zu gehen, doch dort wären wir sicher nicht die einzigen gewesen und dort hielten sich auch immer viele Leute auf, im Gegensatz zu hier. „In Ordnung, aber wir werden morgen Früh sofort wieder aufbrechen und zum Hotel fahren.“ Camilla zuckte mit den Schultern und murmelte: „Wie du willst, Fleur.“
Mit langsamen Schritten ging ich zurück zum Auto, doch bevor ich einstieg, sah ich mich noch einmal um. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass wir beobachtet wurden. Einige Male konnte ich seltsame Geräusche hören, die aus der Nähe des Hauses kamen, vor dem Camilla noch immer stand. Mit einem Kopfschütteln sprach ich zu mir selbst: „Das sind sicher nur irgendwelche Tiere!  Beruhige dich, Fleur. Es ist keine Menschenseele hier zu sehen.“ Doch egal, was ich versuchte mir selbst einzureden, ich war davon überzeugt, dass wir beide nicht allein hier waren. Zögernd öffnete ich die Tür und drehte mich um. „Cami, kommst du endlich? Bevor die Dunkelheit heranbricht, müssen wir einen geeigneten Platz gefunden und das Zelt aufgebaut haben.“ Die Blonde sah hinauf zum Himmel. „Ja, du hast recht!  Es fängt schon an ein wenig zu dämmern.“ Mit diesen Worten kam sie pfeifend auf den Wagen zu geschlendert.


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