Carries komische Werkstatt
  Ohne Ausweg? 3
 

Ohne, dass ich es wirklich gemerkt hatte, war es vollständig dunkel geworden und ich hatte ungeheuerlichen Durst bekommen. Ich musste schon lange hier sitzen, denn meine Kleidung, die vom Angstschweiß durchnässt war, war mittlerweile wieder getrocknet und die kleine Kerze auf der alten Kiste, war bis unten hin abgebrannt und erloschen. Durch das zugenagelte Fenster und durch den dicken Stoff des Vorhangs, fiel ein wenig bleiches Licht. Vielleicht war der Mond am Himmel aufgegangen oder es leuchtete irgendwo entfernt eine Straßenlaterne. Meine Augenlider wurden immer schwerer und ich war mir nicht so ganz sicher, ob ich schon geschlafen hatte, oder ob ich die ganze Zeit über wach gewesen war.
Ich spürte meine Arme und Beine nicht mehr.

Ich musste mich dazu zwingen, die Arme und Beine zu bewegen. Es dauerte eine ganze Zeit lang, bis alles anfing zu kribbeln. Ich hatte es geschafft!
„Ich muss das jetzt öfters machen, sonst kann ich nicht gehen, falls sich mir eine Gelegenheit zum weglaufen bietet!“ schoss es mir durch den Kopf und ich versuchte zu seufzen.
Ein bitterer Geschmack machte sich in meinem Mund breit und ein schmieriger Belag hatte sich auf meiner Zunge niedergelassen. Ich hatte solchen Durst!

„Was wird sich wohl in einer Woche tun, wenn ich nicht wieder zu Hause auftauche? Werden Mutter und Stiefvater sofort die Polizei einschalten und werden die Polizisten überhaupt hier suchen, werden sie mich finden?“

Plötzlich rüttelte jemand wild an der Tür und öffnet sie schließlich mit einem kräftigen Ruck. Wahrscheinlich klemmte die Tür ein wenig. Die lauten Geräusche, die dabei verursacht wurden, hallten wie ein Echo durch meinen Kopf und brachten ihn zum schmerzen.

Es war der verrückte Psychopath, der den kleinen Raum betrat. Ich konnte sein fieses Grinsen nicht sehen, da ich mit dem Rücken zur Tür saß. „Du musst dich noch ein wenig gedulden, Kleines!“ sprach er lachend. „Ich habe noch etwas wichtiges zu erledigen. Sobald ich wieder da bin, kümmere ich mich um dich...“ Mit diesen Worten schlug er die Tür mit einem schrillen Quietschen und einem lauten Knall wieder zu. Erschrocken zuckte ich zusammen und senkte hoffnungslos den Kopf.
„Was wird bloß mit mir geschehen, wenn er zurück kommt?“ fragte ich mich resigniert und schloss erneut die Augen. In Gedanken versuchte ich mir auszumalen, was er mir für schreckliche Dinge antun könnte. Zügellos versuchte ich diese Vorstellungen mit einem heftigen Kopfschütteln zurückzudrängen – was mir allerdings nicht so recht gelingen wollte. Von höllischer Angst übermannt, rutschte ich abermals zaudernd auf dem Stuhl herum und versuchte, dass Seil zu lockern. „Komm schon, Fleur!  Streng dich an, du schaffst es!“ Ich zog immer mehr an dem Seil und langsam bekam ich das Gefühl, die Fesseln würden sich lösen. Erst nach einiger Zeit wurde mir bewusst, wie stark die Schmerzen in meinen Handgelenken und Schultern zogen. „Ich muss durchhalten!“ dachte ich und biss die Zähne fest zusammen. Mit aller Kraft schaffte ich es letztendlich mich zu befreien. Erleichtert stieß ich einen Seufzer durch die Nase aus und blickte hinunter zu meinen Fingerspitzen, die sich dunkelrot gefärbt hatten und taub waren. An beiden Handrücken waren kleine Schürfwunden, die das raue Seil verursacht hatte. Ohne viel nachzudenken, entfernte ich auch nun die Binden an den Füßen und riss mit einem Ruck das Klebeband von meinem Gesicht. Mit schmerzverzerrter Miene, zog ich das schmutzige Tuch aus meinem Mund, dass mir der Verrückte mit Strenge hinein gestopft hatte.
„Dieser elende Mistkerl!“ flüsterte ich vor mich hin, während ich schleppend in der kleinen Kammer auf und ab ging. Es brauchte einige Zeit, bis ich richtig laufen konnte. Doch ich war mir sicher, schnell rennen zu können, wenn es nötig werden sollte.
Unsicher sah ich mich in dem Zimmer um und suchte nach einer Waffe. Doch plötzlich konnte ich Schritte hören, die sich der Türe näherten. Rasch versteckte ich mich hinter einem Schrank und lugte vorsichtig zum Eingang hinüber.


Eine ganze Weile stand ich geduckt hinter dem hohen Spind, doch nichts geschah. Trotzdem blieb ich noch einige Zeit dort stehen. Ich wollte wirklich sicher gehen, dass dieser Verrückte das Zimmer nicht betrat. Und wenn doch, könnte ich schnell aus meinem Versteck hüpfen und die Flucht ergreifen. Ein paar Angstperlen suchten sich ihren Weg durch mein Gesicht und tropften schließlich zu Boden. Helle Funken sprühten aus dem Eimer, in dem noch immer die heißen Kohlen lagen und vor sich hin loderten. Selbst der Kübel glühte wahnsinnig hell.
„Ein Glück, dass er nicht dazu kam, mir das Brandeisen auf die Haut zu drücken!“ dachte ich mir und stieß einen leisen Seufzer aus. Doch plötzlich konnte ich wieder Schritte hören. Allerdings entfernten sich diese immer weiter von der Türe und ich konnte erleichtert aufatmen. So leise wie es nur ging, schlich ich zum Eingang und spähte durch das Schlüsselloch. Ich konnte sehen, wie eine weibliche Gestalt mit kurzen blonden Haaren, den Gang entlang schlenderte und schließlich eine Treppe hinunter ging.

Hastig sah ich mich in der dunklen Kammer um. Da mir nicht viele Gegenstände in dem Raum zur Verfügung standen, musste ich mir etwas einfallen lassen. „Irgendwomit muss ich mich doch wehren können!“ flüsterte ich leise vor mich hin und mein Blick blieb spontan an dem Stuhl haften. „Das wird schon so gehen.“ Ich griff nach der Lehne und schlug mit dem Stuhl einige Male gegen die Wand, bis ein Bein des Stuhls abbrach. Sofort hob ich ihn von dem schmutzigen Boden auf und lief rasant zurück zur Tür. „Ok, mal sehen!  Es ist mir jetzt auch egal, ob mich wer gehört hat. Jetzt kann ich mich wehren!“
Langsam öffnete ich die Türe und streckte den Kopf hinaus, um zu sehen, ob jemand da war. Die Luft war rein und so ging ich weiter. „Ich werde sicher nicht hier rumsitzten und darauf warten, dass ein Wunder geschieht. Ich muss diesen Adan finden!“

Ein leises Quietschen und Knarren ließ mich plötzlich zusammenzucken und aufhorchen. Erschrocken sah ich mich um und bemerkte, dass eine der vielen Türen, sich wie von Geisterhand geöffnet hatte. Niemand verließ dieses Zimmer und auch sonst konnte ich dort nichts verdächtiges ausmachen. „Hier drinnen zieht es ziemlich. Ein Luftzug hat bestimmt die Tür aufgeschoben.“ beruhigte ich mich selbst und legte mir meine Hände aufs Herz.
Doch plötzlich hallte ein Schuss durch den kleinen Korridor und ich wurde zu Boden gerissen. Ein wahnsinniger Schmerz breitete sich in meinem Körper aus. Er raubte mir beinahe den Verstand und die Luft zum Atmen. Ich konnte an nichts mehr denken, abgesehen von dem Schmerz, der meinen Körper zu zerreißen schien. Ich bemerkte kaum, wie sich der Kragen und der Ärmel meiner Jacke rot färbten und wie das Blut meine Haut benetzte. Die Stiche in der Wunde waren so schmerzhaft, dass ich das Gefühl hatte, mich Übergeben zu müssen. Ich versuchte mich panisch aufzurichten, doch ich schaffte es einfach nicht. Ich hatte die Kontrolle über mich verloren. Meine Beine knickten einfach unter mir weg und weiße Punkte taten sich vor meinen Augen auf. Geräusche um mich herum konnte ich nicht mehr wahrnehmen und die Umgebung verschwamm immer und immer mehr, bis ich schließlich nichts mehr spüren konnte. Weder den Schmerz, noch das, was sich neben mir abspielte.

Langsam öffnete ich die Augen. Gleißendes Licht blendete mich, sodass ich sie gleich wieder fest zu kniff. Da vernahm ich eine mir bekannte Stimme, die leise in mein Ohr kroch und meine Schläfen zum Pochen brachte. Widerwillig öffnete ich meine Augen zum zweiten Mal und blickte geradewegs in ein besorgtes Männergesicht. Ruckartig schnellte ich hoch, doch ein starker Schmerz durchfuhr meinen Körper und zwang mich dazu, mich mit einem leisen Stöhnen wieder still hinzulegen. Verwirrt und noch ein wenig benommen, schaute ich den Mann an, der mich noch immer sorgenvoll ansah. Erst jetzt kam mir wieder in den Sinn, wer er war. Es war dieser Adan, der hier war um seine Schwester und deren Freundinnen zu finden. Unsicher überblickte ich eilig die Umgebung. Zu meiner Erleichterung, befand ich mich nicht mehr in diesem schrecklichen Haus, sondern ich lag auf der Rückbank seines Wagens. Langsam wollte ich mich erneut aufrichten, doch Adan drückte mich sanft aber bestimmt wieder zurück in eine liegende Position.

„Du solltest noch etwas still liegen bleiben und dich schonen. Du bist verletzt...“, murmelte er leise und sprach nach einer kurzen Pause weiter. „Du warst für lange Zeit ohnmächtig. Ich hatte schon angst gehabt, dass du mich verlässt.“ Er lächelte bitter und sah dann nachdenklich aus dem Fenster. Der Himmel war noch immer dunkel und der Schneefall hatte über Tag an stärke zugenommen. Die dünne Mondsichel versteckte sich hinter den dicken grauen Wolken, die tief hingen und die spitzen der Berge verschlangen. Die Straßen waren finster, fast komplett in Dunkelheit gehüllt. Nur ein paar Straßenlaternen versuchten mühsam ihr grelles Licht zu verbreiten. Langsam aber sicher gewöhnten sich meine Augen an das indirekte Licht der Laternen, dass sich seinen Weg durch die Fenster des Autos suchte. Seufzend legte ich meinen Kopf gegen den Sitz und sah dabei zu, wie der Schnee die kleinen Scheiben bedeckte.

„Wie hast du mich gefunden?“ fragte ich schließlich und unterbrach somit die Stille. Adan zuckte erschrocken zusammen und blickte vom Fahrersitz aus, zu mir hinüber. „Ich war ganz hier in der Nähe unterwegs. Nicht weit weg von hier, habe ich auf einem kleinen Weg den Haarreif meiner Schwester im Schnee gefunden. Gerade als ich mich nach Fußspuren umsah, habe ich einen lauten Knall gehört, der aus diesem Haus kam. Ich bin hinein gegangen und habe dich im obersten Stock im Flur liegend gefunden. Du hattest ziemlich viel Blut verloren und ich habe dich gleich zu meinem Auto getragen und die Wunde verbunden. Sag mir, was ist passiert?“ Seine dunkelbraunen, traurig wirkenden Augen funkelten mich an, als er mich mit ernstem Gesichtsausdruck ansah. „Ich weiß selbst nicht genau, was hier vor sich geht!  Ich weiß nur, dass hier ein irrer Psychopath rum läuft, der versucht hat, mich zu töten.“ Adan lachte zynisch auf. „Du machst Witze!“ sagte er bissig und zog eine Augenbraue hoch. „Nein, mache ich nicht!  Dieser Verrückte hat mich in diesem Haus festgehalten und Camilla, hat er, er hat sie...“ Ich konnte nicht mehr weiter sprechen. Ich hatte das Gefühl, an meinen Worten zu ersticken. „Das kommt mir alles wie ein böser Traum vor!  Doch die Schmerzen und diese ganzen Geschehnisse fühlen sich so real an.“



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