Carries komische Werkstatt
  Auf der Flucht
 


Kapitel 5 - Auf der Flucht
 
Nachdem ich mich unter großer Mühe aufgerichtet hatte, zerrte ich Cazie hinter mir her und versucht Adan durch die dunklen Rauchschwaden, die alles und jeden verschlangen, zu folgen. Das Atmen wurde mittlerweile zu einer Qual, und ich schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Als ich mit der Blonden bei dem Braunhaarigen angekommen war, kniete ich mich neben ihn und wir versuchten gemeinsam mit aller Kraft, das Brett vor dem Loch zu lösen. Es war offensichtlich, dass es hier tatsächlich nach draußen ging. Denn durch die Ritzen zwischen Wand und Holzplatte, schlugen uns die meisten Qualmschwaden entgegen. Der graue Nebel schmerzte arg in unseren Augen und langsam aber sicher wurde unsere Situation brenzlig. Uns ging allmählich die Atemluft aus, und nicht einmal mehr unsere Kleidung vor den Gesichtern half uns dabei, wenigstens ein wenig saubere Luft zu bekommen. Mit letzter Kraft zog ich verzweifelt an dem alten Brett, doch es tat sich einfach nichts. Als ich mir den Schweiß von der Stirn wischte, bemerkte ich plötzlich, wie sich alles um mich herum drehte. Die Flammen tanzten wild vor sich hin, und färbten die Wände der Hütte schwarz. Meine Beine wurden so weich wie Pudding, als ich panisch versuchte, mich an Adan zu klammern. Dieser griff erschrocken nach meinen Schultern und schüttelte mich hin und her. Meine Sinne schienen sich der Reihe nach zu verabschieden. Ich hörte nicht mehr das vorhin noch so laute Rauschen, auch den widerlichen Gestank des Rauchs, roch ich nicht mehr. Mein Blick trübte sich zunehmend, bis ich nur noch ein seichtes Schwarz vor Augen hatte, und mich die Dunkelheit verschlang.

Benommen spürte ich, wie ein kühler Windhauch mein Haar zerzauste, und wie die Kälte langsam meinen Körper hinauf kroch. Blinzelnd und mit einem leisen Stöhnen, öffnete ich die Augen. Die Sonne schien in voller Pracht durch die kahlen Äste der Bäume, doch trotzdem war es unheimlich kühl. Mein Atem ging schnell und unruhig, während mein gesamter Körper unaufhörlich bebte. Verkrampft sah ich mich um, während ich mir meine rechte Hand auf den schmerzenden Nacken legte. Verwundert stellte ich fest, dass ich mich in einer kleinen Höhle befand, von der aus man auf einen kleinen See und den Wald schauen konnte. Durch kleine Löcher in der Felsendecke, fielen die fahlen Lichtstrahlen der Sonne, die die Grotte in ein goldenes Farbenspiel verwandelten. Gleich neben mir lag Cazie, eingemummelt in einer dünnen braunen Decke. Ihr Gesicht war über und über mit Ruß verschmiert, ihr Haar war staubig und ein paar alte braune Blätter hatten sich in ihren langen Strähnen verheddert. Gleichmäßig und ruhig, sog sie die Luft ein, während ihr ein paar kleine Schweißperlen die Stirn hinab liefen. Nachdenklich beobachtete ich ihre feinen, friedlichen Gesichtszüge. „Es ist so schrecklich, was hier vor sich geht!“ dachte ich, und ich spürte, wie sich meine Miene verfinsterte. „Auf ewig, soll dieser elende Kerl in der Hölle schmoren!  Er muss für all seine Taten büßen!“
Plötzlich zogen leise Schritte und knackende Äste meine Aufmerksamkeit auf sich. „Da ist jemand...“ flüsterte ich leise und starrte unsicher in Richtung See.

Obwohl es nirgends wirklich Anzeichen für Gefahr gab, lauschte ich angespannt in die sanfte Stille, während ich den Atem anhielt und nervös meinen Blick umher schweifen ließ. Die Schritte waren schon längst verstummt, und man konnte nur noch das schaurige Heulen des Windes und ein leises gleichmäßiges Plätschern hören. Bevor ich aufstand, um die Gegend zu erkunden, strich ich Cazie vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht und zog ihr die Decke hoch bis zum Hals. Als ich mit wackeligem Gang hinaus an das Ufer des Sees trat, betrachtete ich für einen Moment, mein verschwommenes und nebulöses Spiegelbild. Angewidert verzog ich das Gesicht. Meine langen schwarzen Haare, hingen zerzaust über meine Schultern hinab. Mein Gesicht war ebenfalls mit dunklem grauen Ruß und Staub übersät, der meine Blässe auf den Wangen deutlich hervor brachte. Mit einem leichten Kopfschütteln und Seufzen, ließ ich meine Augen über die unruhige Wasseroberfläche gleiten und erblickte schließlich nicht weit von mir entfernt, einen schmalen Bachlauf, der sein klares Wasser mit einem Klatschen in das Gewässer beförderte.
„Das Wasser sieht ziemlich sauber aus.” murmelte ich mir selbst zu, als ich mich in das nasse Gras kniete und mich etwas nach vorn beugte. In der Mitte des Teichs, war eine dünne Eisschicht, die im Sonnenlicht wie ein ungeschliffener Diamant glänzte. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Erde nur noch hauchdünn mit Schnee bedeckt war. Während dem Morgen, musste er durch die Wärme der Sonne - von der ich nicht viel gespürt hatte - geschmolzen sein. Als ich meine Hände langsam in das eiskalte Wasser tauchte, waren plötzlich erneut Schritte zu hören, und ich drehte mich unwillkürlich um. Mein Blick klärte sich langsam auf, und ich starrte in zwei rehbraune Augen. Ich wusste sofort, dass es sich um Adans handelte. Noch immer sah ich ihn überrascht an. Was war passiert? War vielleicht doch alles nur ein Traum? Aber woher kamen dann diese furchtbaren Kopfschmerzen. Noch immer drehte sich alles ein wenig vor meinen Augen.

„Wie geht es dir?” fragte der Braunhaarige, während er sich vorsichtig neben mich setzte und mit der flachen Hand über das feuchte, dunkelgrüne Gras strich. Sentimental hob ich die Achseln, und legte meine Stirn schüchtern auf seine Schulter. „Ich weiß nicht so recht. Mir ist fürchterlich schlecht und ich habe starke Schmerzen in der Schulter.” antwortete ich, und fuhr mir mit der nassen Hand übers Gesicht, um meine Haut von der Schwärze zu befreien. Zaghaft legte Adan seinen Arm um meine Hüften und hauchte mir einen sanften, kaum merklichen Kuss auf das Haar. Nachdem ich meine Hände getrocknet hatte, schlang ich ebenfalls meine Arme um ihn. „Was ist gestern passiert? Ich weiß nur noch, dass sich alles um mich herum drehte und wie dann alles schwarz wurde.” wollte ich wissen, als ich meinen Kopf auf seine Brust legte und mein Gesicht in dem Stoff seiner Jacke vergrub.

Vorsichtig schob er mich von sich fort, während er aufstand und sich auf den Weg zu der kleinen Höhle machte. Fröstelnd sah ich ihm nach, bis er hinter den Gesteinsmassen verschwunden war. Erschöpft schüttelte ich meine verdreckte Haarpracht im bitterkalten Luftzug, als ich hörte, wie mein Magen gequält nach Essen jammerte. Unmittelbar danach, stieg eine seltsame Übelkeit in mir auf, und ich hatte das Gefühl, als ob ich mich übergeben müsste. „Kein Wunder, ich habe seit gestern nichts mehr gegessen.“ dachte ich stumm und legte mir sanft die Hand auf den Bauch.

Gerade als ich mir das restliche Wasser aus dem Gesicht wischen wollte, sah ich, dass Adan zu mir zurückkehrte und irgendetwas in den Händen hielt. Schweigend kniete er sich wieder neben mich und warf mir gleichzeitig den Gegenstand vor die Füße. Erst beim genaueren hinsehen konnte ich erkennen, dass es sich um Adans Taschenlampe handelte, die aber ziemlich demoliert aussah.
„Was ist damit?“ fragte ich mit leiernder und rauer Stimme, während ich einen dünnen Grashalm zwischen meinen Fingern zwirbelte. „Nun ja, wie du siehst, habe ich es gestern Abend doch noch geschafft, den Ausgang freizulegen. Als ich selber fast kurz vor dem zusammenbrechen war, habe ich panisch in meinen Rucksack herum gewühlt und die Taschenlampe gefunden. Da mir nichts anderes zur Verfügung stand, habe ich damit versucht, das Holz zu zersplittern – was mir dann auch gelang. Mit letzter Kraft habe ich euch dann noch hierher bringen können.“ Erstaunt hob ich eine Augenbraune nach oben und sah ihn dankbar an. „Also hast du unser Leben gerettet, ich danke dir!  Aber was ich nicht verstehe, warum ist uns dieser Killer nicht gefolgt? Er muss doch die Fußspuren gesehen haben!“ „Nein, durch die Hitze des Feuers, ist in einem ziemlich großen Umkreis der Schnee geschmolzen und er kam wohl nicht auf die Idee, nachzuschauen. Dass es dort noch einen anderen kleinen Ausgang gibt, wusste er wohl nicht und bei dem Lärm, den wir veranstaltet haben, dachte er wohl, wir würden verzweifelt um unser Leben kämpfen. Wenn er überhaupt den Krach hören konnte. Aber ich denke, er geht davon aus, dass wir in den Flammen umgekommen sind.“ erzählte der Braunhaarige und sah mich triumphierend an. „Glaubst du wirklich, dass er uns nun für Tod hält?“ Adan zuckte auf meine Frage hin, leicht mit den Schultern. „Ich glaube schon!  Es wäre zumindest gut, denn dann würde er nicht mehr nach uns suchen.“

Zustimmend nickte ich ihm zu. Es wäre wirklich das allerbeste, was uns nun hätte passieren können. Wenn er tatsächlich davon ausging, wir seien tot, so können wir uns unbemerkt davon machen.

Nachdem wir noch einige Zeit schweigend am Ufer des Sees verbrachten, gingen wir zurück in die kleine Höhle. Cazie lag noch immer bewusstlos auf dem unebenen und feuchten Boden. Als ich sie genau betrachtete, sah ich, dass ihr Atem nicht mehr flach und ruhig war, sondern er ging schnell und unregelmäßig. Unzählige von Schweißperlen rannen ihre Stirn hinab und ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Als ich näher an sie heran trat und meine Hand in ihren Nacken legte, erschrak ich. „Sie hat furchtbar hohes Fieber. Wir können keine Zeit mehr verschwenden, sie braucht Hilfe!“ rief ich Adan zu, der mich nachdenklich ansah. „Mit ihr zusammen, brauchen wir viel zu lange. Sie würde uns nur aufhalten.“ „Und was sollen wir sonst tun? Wir können sie wohl kaum hier zurück lassen!“ fragte ich ihn unsicher. „Ich weiß, aber bis zum nächsten Dorf sind es sicher noch einige Kilometer und ich könnte sie nicht den ganzen Weg dorthin schleppen.“ meinte er und massierte sich die Schultern. „Und was sollen wir jetzt tun? Hast du einen Vorschlag?“ Mit nachdenklichem Gesichtsausdruck lehnte sich Adan gegen die steinerne Felsmauer und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe keine Ahnung...“ brachte er mit rauer Stimme hervor, während er mich unsicher anstarrte. Nach wenigen Minuten schweigen, erhellte sich sein Gesicht. „Wie wärs, wenn ihr beide hier bleibt und ich mich auf den Weg mache. Ich denke, dieser Killer wird nicht mehr nach uns suchen.. Und selbst wenn, hier seid ihr in Sicherheit. Alleine bin ich schneller dort und sobald ich angekommen bin, werde ich die Polizei verständigen.“ „Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist, Adan. Ich möchte nicht allein hier bleiben. Was ist, wenn er uns entdeckt?“ sagte ich ängstlich und setzte mich neben Cazie auf den Boden. „Keine Angst, das wird schon nicht passieren, wenn ihr ruhig bleibt und nicht draußen rumlauft. Ich werde mich beeilen, versprochen!“ Zaghaft nickte ich ihm einverstanden zu. Auch wenn mir sein Einfall nicht behagte und ich auf keinen Fall allein hier bleiben wollte, so musste ich mir eingestehen, dass es wohl das beste sei, hier zu bleiben und abzuwarten.
Seufzend sah ich ihn an. „Okay, ich bleibe hier bei ihr. Ich hoffe, du und die Polizei sind schnell hier.“ „Ich verspreche es dir.“
Schnell packte Adan ein paar Sachen zusammen – etwas Brot und Wasser nahm er mit, aber auch einen spitzen Schraubenzieher, womit er sich wohl verteidigen wollte. Dann verließ er die kleine Höhle und machte sich auf den Weg in das nächste Dorf. Einige Zeit sah ich ihm nach, solange, bis er hinter den vielen Bäumen verschwand.

Seufzend lehnte ich mich gegen die Felswand und starrte zu Boden. Irgendwie wurde ich den Gedanken nicht los, dass der Killer noch immer nach uns suchte. „Was ist, wenn er in den verbrannten Trümmern nach unseren Leichen sucht und sie nicht findet? Dann wird er gewiss nach uns suchen!“ dachte ich und unwillkürlich begann mein Körper zu zittern. Unsicher sah ich mich um. Mir fiel sofort auf, dass wir hier drin quasi auf dem Präsentierteller saßen. Denn wenn er tatsächlich nach uns suchen und hier vorbei kommen würde, dann würde er uns sofort sehen. „Die Höhle ist nicht groß, aber wir können Schutz hinter den Felsen suchen.“ schoss es mir durch den Kopf und ich ging auf die immer noch bewusstlose Cazie zu. Mit aller Kraft zog ich sie an den Armen hinter mir her und legte sie hinter einen riesigen Gesteinsbrocken. Schließlich nahm ich den Rucksack in die Hand und setzte mich neben sie.
Leise stöhnend legte ich meinen schmerzenden Kopf gegen den kalten Stein, der mir mit seiner unebenen Fläche in den Rücken drückte. „Es ist nicht zu fassen!  Ich hätte mir niemals Träumen lassen, dass ich jemals in solch eine Sache hineingerate. Es ist wie in einem schlechten Horrorfilm, nur es ist kein Film oder gar ein Albtraum, es ist Wirklichkeit!  Und das alles nur, weil wir uns verfahren haben, verdammt!“ flüsterte ich leise vor mich hin, während ich die Augen geschlossen hielt und mit der Faust fest auf den harten Boden schlug. Wieder brachte mich der Schmerz in meiner Schulter fast um den Verstand. Auch wenn die Qualen fast unerträglich waren, so wusste ich, dass ich großes Glück gehabt hatte. Wenn Adan mich nicht gefunden hätte, wäre ich wohl dort in diesem Haus verblutet.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht blickte ich zu Cazie. Noch immer rann der Schweiß ihre Stirn hinab und ich wusste, dass ein kühles Tuch für sie jetzt sicherlich gut wäre, aber ich traute mich einfach nicht mehr hinaus zum See. Denn würde dieser Irre mich jetzt entdecken, könnte ich ihm nicht viel entgegensetzten, immerhin bin ich ja kein starker Mann.
Als ich dem dunkelblonden Mädchen die Decke bis zu ihren Hals zog, öffnete sie langsam und benommen die Augenlider. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich zurecht fand und ihre Umgebung erkundet hatte.
„Wo... bin ich?“ fragte sie mit unsicherer Stimme. Kurz sah ich mich ebenfalls um und antwortete schließlich: „Keine Angst, du bist in Sicherheit. Adan ist losgegangen und holt Hilfe, dieser Albtraum ist bald vorbei.“ Cazie sog die Luft scharf ein und schüttelte mit dem Kopf. „Ich wünschte, es wäre nur ein Albtraum!  Wieso muss gerade mir so etwas geschehen?!“ jammerte sie, während sie sich die Hände vor das Gesicht hielt. „Glaub mir, das frage ich mich auch. Aber ich würde es niemanden Wünschen, an unserer Stelle hier zu sein. Hör zu, wir müssen so leise und vorsichtig wie möglich sein. Wir werden hier nicht sterben, wir werden diesen Kerl festnageln und ihn hinter Gitter bringen!“ sprach ich selbstsicher zu ihr, in der Hoffnung, sie würde sich so etwas beruhigen. Zaghaft nickte sie mir zu und lächelte. „Du hast recht... Wir dürfen nicht aufgeben!“

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