Carries komische Werkstatt
  Ohne Ausweg? 4
 


Missmutig lehnte Adan den Kopf gegen die Fensterscheibe und beobachtete, wie die kleinen Wassertropfen am Glas hinunterliefen. Er sog scharf die Luft ein, als er sich mit den Fingerspitzen durch das Haar fuhr. „Naja, dass würde jedenfalls einiges erklären!“ meinte er plötzlich und sah mich flüchtig an. „Aber wenn das wirklich stimmt, was du mir sagst, sollten wir schleunigst von hier verschwinden und die Polizei einschalten. Doch da gibt es nur ein kleines Problem.“ Vorsichtig setzte ich mich auf und lehnte mich zu ihm vor. „Welches?“ fragte ich unsicher und legte erwartungsvoll meine Hand auf seine Schulter. Mit einer kurzen Bewegung, deutete er mit dem Zeigefinger auf den Beifahrersitz, dann starrte er wieder nach draußen. Auf dem Autositz lag sorgfältig zusammengerolltes Stacheldraht. „Was ist damit?“ wollte ich wissen. Ich verstand nicht so ganz, was er mir damit sagen wollte. „Ich fuhr gerade die Straße entlang, als mir plötzlich die Reifen platzten. Ich stieg aus und sah, dass ich über den Draht gefahren bin. Irgendjemand muss ihn quer über die Straße gelegt und an zwei Bäume gebunden haben.“ Meine Augen weiteten sich. „Er möchte nicht, dass wir von ihr abhauen!  Verdammt, wir sitzen hier fest!“ rief ich panisch und schlug mit der Faust auf meinen Oberschenkel. Doch im nächsten Augenblick schmerzte meine Schulter wieder so stark, dass ich mich ruhig zurücklehnen musste. Adan schüttelte mit dem Kopf. „Wir könnten laufen, doch der nächste Ort ist weit weg von hier. Und der Schneesturm ist viel zu stark.“ „Aber wir können auch nicht hier sitzen bleiben und auf ein Wunder warten, oder darauf, dass uns dieser Irre über den Weg läuft.“ „Ja, dass weiß ich, aber was sollen wir denn tun? Hast du einen Vorschlag?“ Langsam drehte er sich zu mir um und sah mich aufgewühlt an. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und dachte angestrengt nach. Was sollten wir bloß tun? Bei diesem Wetter stunden durch die Prärie laufen und den nächsten Ort aufsuchen oder doch hier bleiben und auf Hilfe hoffen und warten? Egal wie lange ich darüber nachdachte, beide Gedanken fand ich nicht sehr prickelnd. Doch plötzlich kam mir die Idee!  „Adan, hast du ein Handy dabei? Wenn ja, rufen wir die Polizei und verstecken uns solang irgendwo.“ Spöttisch lachte er auf. „Glaubst du etwa, auf diese Idee bin ich noch nicht gekommen? Ich habe schon vor knapp zwei Stunden, als ich dich gefunden hatte, versucht die Polizei zu rufen, aber ich habe hier in diesem Nest einfach keinen Empfang.“

Frustriert stöhnend, zog ich die Beine dicht an meinen Körper und vergrub mein Gesicht zwischen den Knien. Mit einem weiteren Seufzen, bohrten sich meine Zähne tief in meine Lippen. „Was sollen wir denn jetzt bloß tun?“

Unendlich sanft und zart, legte Adan seine Hand auf meinen Kopf und fuhr mir beruhigend durchs Haar. „Wir kommen hier schon weg, glaub mir.“ „Und wie?“ fragte ich abtrünnig und hob mein Gesicht so an, dass ich ihm gerade in die dunklen glänzenden Augen sehen konnte. „Naja, uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als das nächste Dorf zu suchen und dort Hilfe zu holen. Du kannst mir wirklich glauben, mir gefällt es auch nicht, bei diesem Sturm und in völliger Dunkelheit umherzuirren, aber das ist mir lieber als hier zu bleiben.“ sagte er ruhig und lächelte mir aufmunternd zu. Für einen kurzen Augenblick dachte ich nach. Auch wenn mir dieser Gedanke, bei finsterer und eisiger Nacht durch die Gegend zuwandern, nicht gefiel, so wusste ich, dass Adan recht hatte. Ich hatte die Wahl!  Entweder hier bleiben und sterben, oder versuchen Hilfe zu holen und leben. „Egal wie anstrengend dieser Weg auch sein wird, ich muss ihn auf mich nehmen!  Ich will nicht sterben, nicht hier und heute Nacht...“ murmelte ich leise vor mich hin und sah verträumt aus dem Fenster. „Ich auch nicht.“ meinte der Braunhaarige nur knapp und beugte sich zum Handschuhfach vor. Mit einigen hastigen Bewegungen, öffnete er die Klappe zu diesem Fach und kramte eine zusammengefaltete Landkarte hervor. Für einige Momente, hielt er sie schräg ins Licht der Straßenlaternen und studierte sie.

„Das wird ein langer Weg werden.“ sagte er nüchtern und kratzte sich am Hinterkopf. Dann faltete er die Karte wieder zusammen und steckte sie sich in die Hosentasche. „Komm wir sollten keine Zeit verlieren!“ Mit diesen Worten stieg er aus dem Auto und zog seine Jacke etwas fester um sich. Nachdem er sich einige Male flüchtig umgesehen hatte, öffnete er mir die Türe und half mir beim aussteigen. „Geht es?“ fragte er argwöhnisch, als er sah, dass ich mein Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse verzogen hatte. „Ja, es geht schon.“ antwortete ich ihm knapp, als ich mich langsam an ihm hoch zog. Erbarmungslos peitschten mir die kleinen Schneeflocken ins Gesicht und eine eisige Windböe drohte mich umzufegen. Sofort schlang ich meine Arme um meinen Körper um mich etwas vor der Kälte zu schützen. Doch der Schnee hatte nach wenigen Augenblicken bereits meine dünne Kleidung durchnässt. „Dieses Wetter ist wirklich widerwärtig. Es wurde nur geschaffen, um meine Nerven auf Glatteis zu legen.“ murrte ich vor mich hin, als ich fröstelnd etwas zur Seite trat und die Autotür mit einem lauten Knall zuschlug. Ein leichtes Lächeln umspielte Adans Lippen. „Naja, ich mag Schnee eigentlich ganz gern, aber zwanzig Grad wären mir im Moment auch lieber.“ Mit diesen Worten öffnete er den Kofferraum und musterte mich genaustens. „Hm, ich weiß nicht genau, ob dir das passt, aber es wäre besser wenn du das hier über deine Kleidung ziehen würdest. Mit deinen dünnen Klamotten holst du dir sonst noch den Tod!“ meinte er grinsend zog eine dicke Winterjacke, ein paar Stiefel und eine lange Hose heraus, die er mir gleich darauf in die Hand drückte. „Ähm, danke.“ flüsterte ich leise und zog mir die Sachen wie befohlen über.

Während ich mit dem Ankleiden beschäftigt war, wühlte Adan noch immer in dem riesigen Kofferraum herum. Durch die hier herrschende Dunkelheit, fiel es ihm schwer, etwas zu erkennen.
„Wonach suchst du?“ fragte ich schüchtern und lugte ihm neugierig über die Schulter. Kurz drehte er mir seinen Kopf zu und sah mich für einen Augenblick an. „Ich suche nach meiner Taschenlampe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie zurück in den Kofferraum gelegt habe, nachdem ich deine Wunde verarztet hatte. Aber vielleicht liegt sie doch noch vorne irgendwo herum.“ erzählte er mit rauer Stimme, als er sich aufgebracht mit den Händen übers Gesicht strich. Mit großen Schritten ging er schließlich zur Beifahrertür und öffnete diese eilig. Ungeduldig lehnte ich mich mit dem Rücken gegen den Wagen, und starrte angestrengt in die Dunkelheit. Es wirkte fast so, als ob die alte Schotterstraße direkt ins Nichts führte, und der Gedanke daran, gleich diese Straße entlang gehen zu müssen, jagte mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Mit einem leichten Kopfschütteln, versuchte ich die Gedanken aus meinem Gehirn zu vertreiben. Um mich etwas abzulenken, knöpfte ich mir langsam die Jacke zu - was mit einer Hand gar nicht so einfach war.
„Ich habe sie gefunden!“ rief der Braunhaarige plötzlich und kam bald darauf wieder zurück zum Kofferraum geschlichen. In den Händen hielt er die gesuchte Taschenlampe und ein wenig Verbandszeug, was wohl für mich gedacht war. Hastig stopfte er alles in einen großen schwarzen Rucksack, und für wenige Sekunden schien es fast so, als ob er angestrengt Nachdenken würde. „Gut, ich müsste jetzt alles haben.“ murmelte er leise vor sich hin und sprach nach einer kurzen Pause weiter. „Essen und Trinken habe ich nicht mehr soviel, aber wir werden schon nicht verhungern, denke ich.“ Mit einem leichten Lächeln, schnallte er die Tasche zu und hängte sie sich über die Schultern. Für einen kurzen Moment musterte er mich erneut mit kritischem Blick, bis er schließlich fragte: „Geht es so mit der Kleidung, oder?“ „Ja, es geht schon. Nur die Hose rutscht ziemlich und die Stiefel sind mir auch zu groß. Aber es wird schon gehen.“ „Warte kurz, du kannst meinen Gürtel haben.“ meinte er plötzlich, zog sich den Gürtel aus der Hose und drückte ihn mir dann in die Hand. „Danke...“ flüsterte ich leise und band mir den Gürtel um den Bauch. Währenddessen sah sich Adan kurz um und nahm sich noch einmal die Karte aus der Hosentasche. „Wir müssen da lang.“ meinte der Braunhaarige und zeigte in Richtung Wald. „Was meinst du? Wann werden wir dieses Dorf erreicht haben?“ wollte ich wissen und fixierte die Schotterstraße mit meinen Augen. Adan dachte wohl für einen Augenblick nach und zuckte dann schließlich mit den Schultern. „Ich weiß nicht, dass kommt ganz darauf an, wie viele Pausen wir machen und in welchem Tempo wir gehen.“ Ich nickte verständnisvoll mit dem Kopf und hielt mir die schmerzende Schulter. „Wir sollten also keine Zeit verschwenden und uns auf den Weg machen.“ murmelte ich und ging langsam voraus.

Wie eine mächtige kohlrabenschwarze Schlange, kroch die Straße bergab, dann höher und höher, bis ihre letzte Spur im unheimlichen Waldicht verschwand. Der Mond warf silberne Ringe auf uns hinab und versuchte sein bleiches Licht mit aller Macht zu verbreiten. Doch die Wellen der Dunkelheit, die wie ein Strom an uns vorübergleiteten, drohte das Strahlen beinahe vollständig zu verschlingen. Ein kalter Wind stürzte uns brausend entgegen und peitschte uns die dicken runden Schneeflocken ins Gesicht. Zögernd senkte ich den Kopf und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Es ist ganz schön stürmisch!  Ob ich das überlebe?“ murmelte ich leise vor mich hin, als ich den Kragen meiner Jacke nach oben klappte. „Na, das hoffe ich doch.“ grinste Adan und sprach nach einer kurzen Atempause weiter. „Wenn du schmerzen in der Schulter hast oder nicht mehr kannst und eine Pause brauchst, dann sag mir bescheid. Wir werden uns dann ein Versteck suchen und Rast machen.“

Umso näher wir dem Tann kamen, desto schwächer wurde das Licht der fernen Straßenlaternen und der dünnen Mondsichel droben am Himmel, die langsam wieder von den dicken rußfarbenen Wolken bedeckt wurde. Als ich mir einen kurzen Blick über die Schulter warf, durchfuhr ein seltsamer Schauer und ein beklemmendes Kribbeln meinen Körper. Von weitem sah das Dorf mit seinen vielen halb zerfallenen Häusern wirklich Furcht erregend aus. Eine absonderliche Aura, die dieses kleine Nest umgab, flößte mir Angst aber auch Respekt ein. Es war ein seltsames Gefühl, das sich in mir ausbreitete. Aber irgendetwas unheimliches haftete an diesem seltsamen Ort. Der Wind schien uns zu verfolgen und es war wirklich unglaublich finster. Die Bäume standen dort wie dunkle Riesen, es zitterte nur lind ihr buntes Laub. Die Bö sang leise ihr einsames Lied zwischen den skurrilen Gebilden aus Gestein und Gesträuch. Ein Luftzug peitschte die Bäume und lies sie sich wie geisterhafte Wesen bewegen. Vorsichtig tasteten meine Augen das schemenhafte Gehölz ab.
„Ich finde du solltest“, murmelte ich leise, „langsam mal die Taschenlampe auspacken. Hier ist es wirklich düster.“ „Wenn ich das jetzt tue, dann könnten wir entdeckt werden.“ meinte Adan und sah mich aus dem Augenwinkel heraus an. „Wenn wir etwas tiefer im Wald sind, werde ich für etwas Licht sorgen. Wenn du nichts siehst, halte dich einfach am Ärmel meiner Jacke fest. Ich habe im Dunklen ganz gute Augen.“ Ich nickte einverstanden und blieb dann stehen. Ich dachte einen Augenblick nach, während ich weiterhin das Dickicht beobachtete. Als der Braunhaarige bemerkte, dass ich nicht weiterging, blieb er ebenfalls wie angewurzelt stehen und sah mich fragend an. „Hast du was?“ wollte er wissen, als er kurz seine Hände aneinander rieb, um sie zu wärmen. Hastig schüttelte ich mit dem Kopf. „Nein, es ist nichts. Ich habe mir nur gerade gedacht, dass es besser wäre, wenn wir etwas außerhalb des Waldweges gehen. Wer weiß wo dieser Irre sich herumtreibt!  Nachher laufen wir ihm noch in die Arme...“ „Ja, du hast recht. Aber wir müssen aufpassen, dass wir den Weg nicht aus den Augen verlieren!“ meinte Adan, während er sich mit den Fingerspitzen durchs feuchte Haar fuhr.


Stundenlang kämpften wir uns durchs Unterholz, es war kalt und es schneite ununterbrochen. Der Wind wehte uns den Schnee entgegen und langsam bekam ich das Gefühl, als würde schweres Blei an meinen Armen und Beinen hängen. Die Schneeverwehungen, durch die wir stampften und die uns beinahe bis zu den Oberschenkeln reichten, verstärkten dieses Gefühl von Minute zu Minute. Äste und Dornenbüsche peitschten mir entgegen, und hinterließen schmerzvolle rote Striemen auf meiner Haut. Starr blickte ich auf den runden Lichtkreis der Taschenlampe am Boden, und versuchte, gegen meine Müdigkeit anzukämpfen. Auch das stechende Schmerzen in meiner Schulter wurde immer stärker und zwang mich einige Male fast in die Knie. „Ich muss mich zusammenreißen!  Ein bisschen muss ich noch durchhalten. Wir können noch keine Pause machen!“ sprach ich zu mir selbst und nickte entschlossen.

Einige Zeit schlugen wir uns noch durch das dichte Gestrüpp, bis wir plötzlich seltsame Geräusche vernehmen konnten. Erschrocken hob ich den Blick und sah mich hektisch um. Nicht weit von uns entfernt, drang ein helles Licht durch die Finsternis und eine schwarze Gestalt kam uns langsam entgegen. Sofort schaltete Adan die Lampe aus und drücke mich zu Boden. Vorsichtig kniete er sich neben mich in den Schnee und presste mich fest an sich. „Ich hoffe, er hat uns nicht gesehen.“ flüsterte er leise und duckte sich. Die Schritte der Person kamen immer näher, und mein Herz schlug mir bis zum Halse. So leise es nur ging, zogen wir uns weiter ins Buschwerk zurück und beobachteten die riesige Gestalt. Ich hielt den Atem entsetzt an, als der Mann schleichend an unserem Versteck vorüber ging und ich erkannte, wer er war. „Das ist er!  Er hat mich gefangen gehalten und Camilla getötet!“ plapperte ich aufgeregt und kleine Angstperlen liefen über meine Stirn. Mein Körper begann unkontrolliert zu zittern. Es war Angst und die unbändige Wut auf diesen Mistkerl, die mich zum Beben brachten. Adan drückte fest seine Hand auf meinen Mund, sah mich mahnend an und flüsterte: „Still!  Er entdeckt uns sonst noch!“ Unruhig und bänglich hoben wir wieder unsere Köpfe, um zusehen, was er tat. In diesem Augenblick strahlte er, zu unserem Entsetzten, in unsere Richtung. Sofort gingen wir wieder in Deckung, in der Hoffnung, er hätte uns nicht gesehen und würde weitergehen. Doch er hatte uns entdeckt!
Ehe wir reagieren konnten, rannte er rasch auf uns zu und riss mich an den Haaren hoch. Schmerzvoll schrie ich auf und schlug wild um mich. „Nanu, wie kommst du denn hier her?“ fragte er überrascht und zog eine Augenbraue hoch. „Du wolltest doch nicht etwa...“ Seinen Satz konnte er nicht beenden, da Adan ihm einen heftigen Schlag mit der Taschenlampe auf den Kopf verpasste. „Lass sie los du Schwein!“ brüllte er und holte erneut zum Schlag aus. Sein Griff lockerte sich etwas und ich konnte mich befreien. Stöhnen ging der Killer in die Knie und hielt sich den schmerzenden Kopf. „Du verdammter..!“ fluchte er vor sich hin, als er sich langsam wieder aufrappelte. „Komm!“ rief Adan plötzlich und griff nach meinem Handgelenk. Unbeirrt zerrte er mich hinter sich her und seine Schritte wurden immer schneller und ausgereifter. „Na komm schon!  Schneller!“ So schnell wir konnten, rannten wir zwischen den Bäumen hin und her. Ängstlich sah ich mir immer wieder über die Schulter, bis wir ihn schließlich aus den Augen verloren hatten. Doch wir waren uns sicher, dass er uns noch immer dicht auf den Fersen war, und so liefen wir weiter.

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