Carries komische Werkstatt
  Die Blutmondnacht 6
 


Gerade als wir in die Straße einbogen, wo unser Haus zu finden war, kamen uns zwei aufgeregte Männer in Uniformen entgegen. Erst als sie unmittelbar vor uns waren erkannte ich, dass es sich um die zwei Soldaten handelte, die mir in der Gasse zu Nahe getreten waren. Sie liefen einfach wortkarg an uns vorbei und schienen es wirklich eilig zu haben, was nun wirklich kein Wunder war, immerhin trieb sich ein Vampir vor der Stadt herum.
„Man könnte meinen, es würde Krieg herrschen.“ murmelte ich leise und sah den Männern kurz hinterher. „Das was wir hier durchmachen, ist auch nichts anderes als ein Krieg!  Die Menschen führen einen Krieg gegen die Vampire.“ meinte Cosmin und sah mich flüchtig an. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete ich den Silberhaarigen. Eigentlich sah er wie ein ganz normaler Mensch aus, nicht einmal seine helle Haut und die eisblauen Augen wirkten unmenschlich, er schien ein ganz normaler, junger Mann zu sein. Doch aus irgendeinem Grund wusste ich bei den meisten sofort, dass sie keine Menschen waren. Vampire strahlten eine merkwürdige Energie aus, eine Energie, die einem Angst machen konnte.
„Sag mal Cosmin, woran erkennen die Vampirjäger eigentlich, ob ihnen nun ein Mensch oder ein Vampir gegenüber steht?“ fragte ich unsicher und sah mich um. Der Silberhaarige blickte verwundert zu mir hinunter und zog überrascht eine Augenbraue hoch, bis er plötzlich lachte. „Du hast schon gegen unzählige Vampire gekämpft und weißt immer noch nicht, woran man sie erkennen kann?“ grinste er und schüttelte mit dem Kopf. „Ich... ähm also, ich habe nie wirklich darauf geachtet. Ich hatte immer nur ein seltsames Gefühl, wenn mir einer gegenüber stand.“ nuschelte ich, und für einen Augenblick schämte ich mich für diese dumme Frage. Cosmin ließ seinen Blick durch die Straßen schweifen, um sicher zu gehen, dass niemand in der Nähe war. „Wenn wir unentdeckt bleiben wollen, können wir unsere Merkmale verstecken und sehen dann wie normale Menschen aus. Allerdings können wir sie nicht verstecken, wenn wir Durstig und auf der Jagt sind. Vampire sind meist blasser als normale Menschen, aber es gibt auch Menschen, die wie du von Natur aus sehr blass sind, von daher ist dies kein richtiges Merkmal. Eigentlich haben wir Vampire rote Augen und unsere Fangzähne kann man nun wirklich nicht übersehen. Aber auch diese können wir verstecken!  Weißt du noch, wie Alin aussah, als er Durstig in der Villa de lune auftauchte?“ erklärte Cosmin und auf seine Frage hin nickte ich leicht. „Ja, er hatte rote Augen bekommen, er konnte sich kaum noch kontrollieren, weil er solchen Durst hatte. Also kann man euch nur an der Augenfarbe und an den langen Zähnen erkennen?“ „Ja, aber wenn wir unerkannt bleiben wollen, ist es beinahe unmöglich, unsere wahre Gestalt bestimmen zu können. Eigentlich hatte ich in all der Zeit, in der wir uns nun schon kennen, mein wahres Gesicht versteckt und trotzdem wusstest du gleich, dass ich ein Vampir war. Ich kann mich noch genau an deine ängstlichen Augen erinnern, als du mich das erste Mal sahst.“ lächelte der Silberhaarige und blieb stehen. „Tja, ich habe eine gute, weibliche Intuition!“ quietschte ich vergnügt und hielt ebenfalls in meinen Bewegungen inne. Langsam drehte ich mich um und sah zu Cosmin, der wenige Schritte hinter mir stand. Sein Gesichtsausdruck war wieder etwas ernster geworden, doch trotzdem sah er glücklich und zufrieden aus. „Ich bin froh, dass du wieder da bist und ich möchte mich noch einmal für mein Verhalten entschuldigen, Stela!“ sagte er leise, während er seinen Blick beschämt zu Boden gleiten ließ. „Es ist gut, Cosmin!  Ich war zwar enttäuscht und wütend darüber, dass du mir nicht glaubtest, aber die Hauptsache ist, dass du es jetzt wieder tust!  Allerdings, wenn du mir dein wahres Gesicht zeigst, könnte ich diese Sache vielleicht noch schneller vergessen!“ rief ich fröhlich und sah Cosmin bittend an, während ich nach seiner Hand griff.

Der Silberhaarige hatte mich neugierig gemacht!  Ich wollte nun unbedingt sein wahres Wesen sehen, das er die ganze Zeit über vor mir versteckt hielt.
Überrascht zog der Silberhaarige erneut eine Augenbraue hoch und musterte mich unsicher. „Du würdest Angst vor mir bekommen, glaube mir!  Aber vielleicht tue ich das irgendwann einmal.“ sagte er und ging weiter. Für einen kurzen Augenblick ließ ich mir seine Worte durch den Kopf gehen. Glaubte er tatsächlich, dass ich Angst vor ihm bekommen würde? Ich mochte Cosmin, egal was er war und wie er aussah.
Langsam setzte auch ich mich in Bewegung und trottete ihm hinterher. Als der Silberhaarige das Haus erblickte, wurden seine Schritte schneller und mir war es beinahe unmöglich, mit ihm Schritt zu halten.
„Wie ich sehe, ist sie dir doch gefolgt.“ meinte plötzlich eine raue Stimme und ich schreckte auf. Ion kam aus einer dunklen Ecke gestürmt und war auf Cosmins Schulter gesprungen. „Ihr solltet in Zukunft leiser eure Gespräche führen!  Euer Geschrei konnte man einfach nicht überhören, ihr seid selbst Schuld!“ rief ich und verschränkte gespielt die Arme. „Du hättest dir die Ohren zu halten können!  Du bist einfach zu neugierig, Stela!“ meinte Ion hochnäsig und wedelte mit der Pfote. „Ion,“, meinte Cosmin plötzlich, „statte Nyria und Aurelia bitte einen Besuch ab. Sag ihnen, dass wir uns morgen Früh bei den anderen in der Hütte treffen und sie schnell kommen sollen.“ Hatte ich gerade richtig gehört? Sagte Cosmin etwa, dass wir uns Treffen wollten?
Der Kater sprang von Cosmins Schulter und nickte ihm leicht zu. „Ich werde mich beeilen!“ Mit diesen Worten verschwand Ion und ließ uns an der verlassenen Straße zurück. „Wie meintest du das, Cosmin? Wohnen Aurelia und Nyria etwa nicht bei den anderen?“ fragte ich den Silberhaarigen und legte grübelnd den Kopf schief. „Nein, die Beiden leben zur Zeit in einer kleinen Stadt, die noch nicht von den Soldaten bewacht wird. Nyria stammt ursprünglich aus diesem Ort und nahm deine Schwester mit sich dorthin. Wir alle dachten, es sei in deinem Sinne, wenn Aurelia wie ein fast normales Kind aufwächst und zur Schule geht.“ antwortete er und ich nickte zustimmend. „Ja, das ist sehr vernünftig und es ist tatsächlich in meinem Sinne!  Ich freue mich schon darauf, die anderen wiederzusehen, sie werden sicherlich Augen machen!  Ich hoffe nur, dass sie nicht so reagieren wie du.“ Seufzend verdrehte der Silberhaarige die Augen und er versuchte, genervt zu wirken – worin er allerdings kläglich scheiterte!  Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, dass sich sein Mund zu einem schwachen Lächeln verzogen hatte. „Was ist los?“ wollte ich heiser wissen und steuerte auf die Haustür zu. „Ich frage mich, wie lange du mir diese Sache noch unter die Nase reiben willst. Ich glaube, du hast Spaß daran, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, oder irre ich mich?“ Schmunzelnd hüpfte ich vor Cosmin und drehte mich zu ihm um. „Ein bisschen!“ lachte ich hell und sah ihm dabei zu, wie er die Türe hinter mir aufschloss. „Mehr als Entschuldigen kann ich mich nicht, Stela!“ meinte der Silberhaarige plötzlich mit heiserer Stimme, bevor er mich durch den schmalen Spalt der Tür, ins Haus schob.
Es schien mir so, als ob ich Cosmin mit meinem Verhalten verletzt hätte, denn plötzlich war er wieder etwas ernster geworden und die Art, wie er dies zu mir sagte, deutete darauf hin. „Es tut mir Leid, ich wollte bloß ein bisschen Spaß machen.“ nuschelte ich unverständlich und ließ mich auf einem Stuhl am Küchentisch nieder. „Es ist schon gut!  Ich werde jetzt schnell die Dinge erledigen, bevor wir aufbrechen.“ meinte er nur knapp und ließ mich allein in der Küche zurück.
Ächzend sah ich aus dem Fenster, als ein lautes Knurren die Stille zerriss. Mein Magen machte sich bemerkbar – ich hatte Hunger. „Cosmin hat sicherlich nichts zu Essen hier und die Geschäfte haben auch alle zu, obwohl es erst Mittag ist. Sehr wahrscheinlich haben die Leute unheimliche Angst bekommen, als es plötzlich dunkel wurde."

Ächzend warf ich einen Blick auf die alte Pendeluhr, die in einer dunklen Ecke stand und beobachtete, wie der goldene Pendel hin und her schwang. Es waren nicht einmal zwei Stunden vergangen, seitdem ich das Haus verlassen hatte und wieder zurückgekehrt war. Die Zeit schien nicht vergehen zu wollen – nun wo ich mich auf das Wiedersehen mit den anderen freute, erst recht nicht. Schweigend legte ich meine Hände auf den Tisch und faltete sie wie bei einem Gebet ineinander, während ich mich erneut fragte, was Dracula wohl vorhatte.
„Da der Blutmond den Vampiren ungeheure Macht verleiht, ist es mir klar, dass er nichts Gutes im Schilde führt. Nur was ist genau sein Plan? Bereitet er sich auf einen Angriff vor oder hat er den Blutmond nur heraufbeschworen, um Alleinherrscher der Welt zu werden?“ dachte ich ich und ein leises knurren entwich meiner Kehle. Wie ich diesen Kerl doch nur hasste!  Wie konnte man bloß so versessen darauf sein, unendlich viel Macht zu bestreben und sich alle Lebewesen zu Untertarnen zu machen? Ich dachte, in jedem Wesen würde etwas Gutes stecken, doch Dracula war der Beweis dafür, dass es nicht so war. „Ich denke, er möchte beides damit bezwecken.“ vernahm ich plötzlich die Stimme von Cosmin und erschrak. Ich hatte gar nicht realisiert, dass er das Zimmer betreten und sich vor mich gestellt hatte. Langsam hefteten sich meine Augen auf die riesige Kiste, die Cosmin in den Händen hielt und erst beim genauen Hinsehen bemerkte ich, dass sich darin kleine Flaschen mit roter Flüssigkeit befanden. Seufzend ließ ich meinen Blick zu Boden wandern und schüttelte nervös mit dem Kopf. „Du hast mich erschreckt, bitte schleiche dich nicht so an mich!  Woher weißt du eigentlich, was ich gedacht habe? Du kannst doch keine Gedanken lesen, oder etwa doch?“ murmelte ich und sah dabei zu, wie der Silberhaarige die seltsame Flüssigkeit in den gusseisernen Ofen kippte. Schon nach wenigen Augenblicken machte sich ein abscheulich und übelriechender Geruch in der kleinen Küche breit, und ich hatte große Schwierigkeiten damit, gegen meinen Würgereflex anzukämpfen. Ich wusste, dass Cosmin Blut in die Flammen gegossen hatte und bei diesem Gedanken wurde mir speiübel. „Ich habe mich nicht an dich herangeschlichen, im Gegenteil, ich habe sehr viel Krach verursacht!  Schon allein das Klirren der Fläschchen war laut, aber du warst wohl etwas weggetreten. Und nein, ich kann keine Gedanken lesen, aber du hast sie laut ausgesprochen.“ grinste der Blauäugige, als er ein paar der Flaschen in die Spülwanne gestellt und mir einen flüchtigen Blick zugeworfen hatte. „Das hatte ich gar nicht bemerkt.“, wisperte ich leise und fuhr nach einer kurzen Unterbrechung fort, „Also denkst du, er plant einen Angriff und möchte zugleich die Menschen einschüchtern?“ „Ich gehe davon aus, ja. Er wird mit großer Sicherheit einige Städte angreifen wollen und somit die Menschen verängstigen, vielleicht will er aber auch einfach nur die Vampirjäger loswerden. Aber gleichzeitig will er die Menschen an sich binden und sie von sich abhängig machen, da bin ich mir sicher!  Er möchte bestimmt, das ihr euch ihm fügt und das tut, was er will, ansonsten lässt er den Blutmond als Dauerzustand am Himmel. Früher oder später würden dadurch Hungersnöte ausbrechen, denn ohne das Sonnenlicht könnten die Felder nicht mehr wachsen, das Futter für die Tiere würde knapp werden, sodass sie jämmerlich verkommen würden und letztendlich würde der Hunger auch die Menschen dahinraffen. Aber um soetwas zu verhindern, würden sie tun, was Dracula verlangt.“ erklärte Cosmin und beseitigte weiterhin seine Spuren. Ich musste zugeben, seine Theorie hatte etwas und insgeheim war ich mir sicher, dass Dracula soetwas in der Art vorhatte. „Egal wie sein Plan aussieht, wir müssen ihn aufhalten!“ rief ich entschlossen und sprang von meinem Stuhl auf.

Der Silberhaarige nickte zustimmend und ließ schließlich von seinen Blutkonserven ab. „Das werden wir auch tun, aber vorher müssen wir herausfinden, wie wir ihn überhaupt töten können!  Er ist ein zäher Bursche, das weißt du selber am besten... wir können nicht mehr einfach unvorbereitet in seine Festung eindringen, sonst endet das Ganze wie beim letzten Mal, als wir uns kopflos auf einen Kampf mit ihm eingelassen haben!“ Nachdenklich lehnte ich mich gegen die Kante des Esstischs und verschränkte grübelnd meine Arme. In alten Büchern hieß es immer, man könne Vampire töten, indem man ihre Körper in vier Teile zerteilt und diese anschließend verbrennt, oder sie mit Weihwasser übergießt. Auch wurde geschrieben, man solle ihnen einen Holzpflock in das Herz jagen und sie somit töten. Allerdings schienen all diese Methoden reiner Humbug zu sein, denn Cosmin wüsste doch sicherlich von ihnen, wenn tatsächlich etwas daran wäre. Auch hätte Dracula schon längste eine von ihnen ausprobiert.
„Warum wisst ihr eigentlich nicht, wie man ihn besiegen kann? Du und die anderen, ihr seid doch selber Vampire, also solltet ihr das wissen!“ sagte ich mit rauer Stimme und fuhr mir mit den Fingerspitzen durchs Haar. „Du weißt doch sicher noch, was ich dir über die Generationen erzählte oder? Die ersten paar Generationen haben kaum Schwächen, wogegen die Jüngeren immer Anfälliger werden und die Eigenschaften von normalen Menschen besitzen, nur das diese Vampire Blut trinken und nicht Altern. Man kann sie ganz einfach ins Jenseits befördern, aber die ersten drei Klassen sind beinahe unbesiegbar und es gibt nur sehr wenige von ihnen, weshalb wir kaum etwas darüber wissen. Ich glaube, nicht einmal Dracula weiß wirklich, wie er mich und die anderen töten kann, denn immerhin hat er ebenfalls noch nie jemanden umbringen können, der zu der ersten Generation gehört, zumal es nur vier Vampire gibt, die man in zu dieser Klasse zählen kann: Dracula selbst, Alin, Ethgar und ich.“ erklärte Cosmin und sah mich eindringlich an. Seinen Worten nach zu Urteilen, wusste Dracula also ebenso wenig wie wir und vielleicht war dies der Grund, warum er Cosmin, Alin und Ethgar nicht weiter verfolgte. Trotzdem wunderte ich mich darüber, dass er nicht versuchte, einen Weg zu finden, um sie zu ermorden, denn immerhin waren die Drei ihm schon immer ein Dorn im Auge. Er sagte mir sogar vor meinem Tode, dass er auch die anderen töte wolle, warum also, tat er dies nicht? War seine Selbstsicherheit vielleicht nur vorgetäuscht? Hatte er in Wahrheit Angst vor den Dreien oder war er sich sicher, dass sie ihm nichts anhaben könnten?
„Wenn wir Dracula in Starre versetzten, dann hätten wir doch genügend Zeit, um herauszufinden, wie man ihn töten könnte, oder nicht?“ murmelte ich leise vor mich hin, als ich noch einmal über alles nachgedacht hatte. Der Silberhaarige zuckte mit den Achseln und verzog nachdenklich das Gesicht. „Theoretisch sollte das möglich sein. Ein Vampir bleibt solange erstarrt, bis ihm wieder Blut eingeflößt wird, und wenn wir einfach niemanden an ihn ran lassen, dann hätten wir tatsächlich eine Chance. Vampire zerfallen zu Staub, wenn sie sterben, also wüssten wir dann auch, wann wir ihn mit welcher Verletzung getötet hätten. Allerdings gibt es dort ein Problem!  Dracula ist ein hervorragender Kämpfer, es wäre alles andere als leicht, ihm überhaupt eine bedrohliche Verletzung zuzufügen!“ antwortete Cosmin abwesend und rieb sich mit der Hand übers Kinn. Aufgebracht sah ich auf und Schnaubte verächtlich. „Du bist doch auch ein sehr guter Kämpfer!  Beim letzten Mal wurdest du nur außer Gefecht gesetzt, weil du mich beschützen wolltest, ansonsten hättest du ihm bestimmt ganz schön zugesetzt!  Ich bin mir sicher, dass wir mit Teamarbeit und ein bisschen Selbstvertrauen viel ausrichten können!  Wir sollten einfach an uns glauben; uns vor Augen halten, wofür wir Kämpfen, dann können wir ihn ganz sicher besiegen!“

Cosmin ließ sich noch einmal meine Worte durch den Kopf gehen und wollte gerade etwas erwidern, als ein Poltern vor der Tür unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Es hörte sich ganz danach an, als ob sich etwas gegen die Haustüre geworfen hätte und nun mit den Krallen an dem Holz kratzte. Erschrocken blickte ich den Silberhaarigen fragend an. „Was zum Teufel ist das?“ wollte ich wissen und ging zaghaft einen Schritt auf ihn zu. „Ion macht immer solch einen Krach, wenn er hinein gelassen werden will. Aber er sollte doch zu Nyria und Aurelia gehen, also habe ich keine Ahnung, wer das sein könnte.“ antwortete Cosmin ratlos und ging hastig auf die Türe zu, an der noch immer jemand rüttelte. Gespannt sah ich ihm dabei zu, wie er den Eingang einen Spalt weit öffnete und wie aus heiterem Himmel stürmte tatsächlich Ion an dem Silberhaarigen vorbei. Aufgeregt drehte er sich im Kreis und suchte scheinbar nach Worten, um uns etwas mitteilen zu können, denn immer wieder murmelte er etwas undefinierbares vor sich hin. „Wir befinden uns in einer ernsten Lage!  Es ist etwas schreckliches passiert!“ rief er außer sich und sein Nackenfell stellte sich buschig auf. Entsetzt ging ich vor dem Kater in die Hocke und legte beruhigend meine Hand auf seinen weichen Rücken. „Was ist geschehen, Ion?“ fragte Cosmin und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. „Die Vampirjäger sind auf dem Weg hierher!  Ich konnte ihre Wachen belauschen und sie sagten, dass ein Vampir in die Stadt eingedrungen ist und nun suchen sie nach ihm!“ kreischte er wild und löste sich aus meiner Berührung. „Aber Ion, warum sollten sie hierher kommen? Durchsuchen sie etwa alle Häuser, um ihn zu finden?“ fragte ich und sah den den Kater unsicher an. „So wie ich hören konnte, haben sich zwei Vampire mit den Jägern verbündet und suchen nun die ganze Stadt nach dem Unbekannten ab. Das Problem ist, diese zwei Vampire konnten dich wittern, Cosmin und jetzt suchen sie auch nach dir!“ „Jetzt wo du es sagst, kann ich sie auch aufspüren und sie scheinen ganz in unserer Nähe zu sein. Irgendwie kommt mir der Geruch dieser beiden Blutsauger bekannt vor, aber ich weiß nicht woher ich ihn kenne.“ meinte der Silberhaarige angespannt. „Du kannst sie riechen, obwohl sie nicht in diesem Raum sind?“ fragte ich überrascht. „Ja, ich kann sie sogar sehr gut riechen. Für einen Vampir ist es völlig normal, dass er andere Vampire wittern kann, nur beherrschte ich diese Fähigkeit damals noch nicht. Erst nach deinem Tod habe ich sie erlernt. Bei der Jagt nach anderen Artgenossen, kann dies sehr hilfreich sein, aber wenn man sie nicht gezielt suchen will, kann man sie auch nicht bemerken. Da ich dachte, die Vampirjäger würden mit diesem einen fertig werden, habe ich aufgehört, auf andere Vampire zu achten.“ erklärte er mir und warf einen Blick durch das Fenster. Fassungslos stolperte Cosmin einen Schritt zurück und warf dabei eine Blumenvase um, die scheppernd zu Boden fiel. „Wir sollten schleunigst verschwinden!  Sie sind gleich vor unserer Tür!“ rief Cosmin, während er nach meinem Arm griff und mich hinter sich her zog. Hastig rannten wir die Treppe zum zweiten Stock hinauf, wo Cosmin eine kleine Luke in der Decke öffnete, die zum Dachboden führte.
„Was hast du vor?“ fragte ich zitternd und ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit. Was war, wenn die Vampirjäger uns erwischten? Sie würden sicherlich nicht nur Cosmin töten wollen, sondern auch mich, da ich zu ihm gehörte und ihn in Schutz nahm.
„Wir müssen auf das Dach klettern!  Von dort aus können wir eher unbemerkt verschwinden.“ meinte der Silberhaarige, während er eine schmale Leiter, die in der Lukentür verankert war, hinauf stieg.

Gerade als ich Ion auf meine Schulter setzen und die schmale Leiter hinauf klettern wollte, vernahm ich von unten leise Stimmen, denen ein lauter Knall folgte und das Knacken von zerberstetem Holz war zu hören. Allem Anschein nach hatten die Jäger die Haustüre eingetreten, um in das Haus gelangen zu können. Für einen Augenblick war es vollkommen still, doch nach wenigen Sekunden waren eilige Schritte von der Küche aus zu hören.
„Worauf wartest du, Stela? Lass uns verschwinden!“ flüsterte Cosmin auffordernd und schaute durch die kleine Öffnung zu uns hinunter. Zögernd sah ich zu ihm hinauf und nickte zustimmend, während ich die Sprossen zum Dachboden hinauf stieg. Der Silberhaarige streckte mir seine Hand zur Hilfe entgegen, als ich beinahe oben angekommen war. Ich wollte nach dieser greifen und seine Hilfe annehmen, doch als ich bemerkte, dass jemand die Stufen zur zweiten Etage hinauf kam, hielt ich für einen Augenblick in meinen Bewegungen inne. „Sie kommen!“ murmelte ich leise und sah hinunter zur Küche, wo ich bereits die schemenhafte Gestalt eines Mannes sehen konnte, der genau auf mich zu steuerte. „Kletter endlich weiter, sonst kriegen sie uns noch!“ rief Ion mürrisch und als seine Stimme in der Dunkelheit verklang, fixierte uns die fremde Person mit seinen Augen. „Kommt schnell her!  Sie wollen flüchten!“ brüllte der Vampirjäger und verfiel in einen Laufschritt. Erschrocken zuckte ich auf und stieg weiter hastig die Leiter hinauf. Als ich bei der vorletzten Sprosse angekommen war, griff Cosmin nach meinen Armen und zog mich zu sich hinauf. Es schien ihn gar keine Kraft gekostet zu haben, mein ganzes Gewicht tragen zu müssen, denn sein Gesichtsausdruck und auch sein Atem blieb unverändert.
„Öffne dieses Fenster dort!“ forderte er mich auf und deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf eines der Dachfenster. Wie mir befohlen, öffnete ich dieses, währenddessen Cosmin die Luke zum Dachboden für die Vampirjäger unzugänglich machte. Nachdem er dies getan hatte, kam er auf mich zu und kniete sich vor mir nieder. „Stela, steig auf meinen Rücken. Wir sind schneller unterwegs, wenn ich dich trage. Du bist nur ein Mensch und du kannst dich nicht so schnell bewegen wie wir Vampire. Diese Jäger haben genau zwei Vampire im Schlepptau und diese würden dich ziemlich schnell fangen!  Die Vampire haben sich in den letzten zwei Jahren weiterentwickelt – sie sind schneller und stärker geworden, außerdem gibt uns der Blutmond noch mehr Kraft.“ erklärte der Silberhaarige und sah mich durchdringend an. „Gut, aber wenn ich dir zu schwer werden sollte, lässt du mich runter!“ antwortete ich ihm und umklammerte seinen kräftigen Körper mit meinen Armen und Beinen. Cosmin lachte hell auf, als ich zu ende gesprochen hatte. Er schien über meine Worte sehr amüsiert zu sein. „Dein Gewicht fühlt sich für mich wie eine leichte Feder an, also mache dir keine Sorgen. Und jetzt haltet euch gut fest, es geht los!“
Blitzschnell und elegant wie eine Katze, sprang Cosmin durch das Dachfenster auf die roten Dachziegel, die unter unserer Last leise knarrten. Für einen Augenblick spürte ich, wie sich Ions Krallen in meine Schulter bohrten und ich verzog schmerzverzerrt mein Gesicht. Der kleine Kater hatte zwar keine andere Möglichkeit, sich an mir festzuhalten, doch seine Krallen schmerzten furchtbar in meinem Fleisch.
„Ihr dürft auf keinen Fall locker lassen, haltet euch also gut fest!  Unser Weg wird jetzt etwas holperig.“ meinte der Silberhaarige grinsend, bevor er auf das Dach des Nachbarhauses sprang.

Übelkeit erfasste mich, als wir schwankend auf den rot schimmernden Dachziegeln des Hauses landeten und mein Blick hinunter zur Straße wanderte. Eigentlich hatte ich keine Höhenangst, doch bei dem Gedanken, was alles geschehen konnte, wenn wir abstürzen würden, jagte mir ein eiskalter Schauer den Rücken hinab. Zwar würden sich Cosmin und Ion bei dem Sturz nichts tun, doch ich würde mir wahrscheinlich die Knochen brechen.
Mit einem leichten Kopfschütteln versuchte ich diesen Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben und sah auf, als der Silberhaarige die Dachschräge hinaufkletterte und sich umblickte, nachdem wir die Spitze des Hauses erreicht hatten. Der Ausblick war atemberaubend schön – die vielen Lichter und das rote Schimmern des Blutmondes ließ Târgoviste unheimlich, gleichzeitig aber auch geheimnisvoll erscheinen. Ich verlor mich beinahe in diesem Anblick und ich hätte noch Stunden hier oben verbringen können, doch Cosmin machte einen Satz nach vorn und sprang auf das nächste Haus, als hinter uns ein leises Scheppern und Krachen zu hören war. Scheinbar hatten die Vampirjäger es geschafft, die Luke zum Dachboden zu öffnen und nun würden sie sofort die Verfolgung zu uns aufnehmen.
„Wir werden den direkten Weg zu Rosa, Alin und Ethgar nehmen. Wenn wir es schaffen, die Jäger abzuhängen und uns soweit wie möglich von ihnen zu entfernen, dann können ihre Schoßhunde unsere Witterung nicht mehr aufnehmen und dann sind wir in Sicherheit.“ meinte Cosmin, während er von Dach zu Dach hastete. Ich wollte ihm etwas erwidern, doch durch die Wucht der Sprünge, entwich mir nur ein undefinierbares Gestottere. Also blieb mir nichts anderes übrig, als ruhig zu bleiben und Cosmin machen zu lassen - er würde schon wissen, was zu tun ist.
Noch einmal ließ ich den schönen Anblick von Târgoviste auf mich wirken und gewissermaßen war es nun für mich an der Zeit, mich erneut von meinem geliebten Heimatdorf zu verabschieden. „Es scheint wohl traurigerweise zur Gewohnheit zu werden, dass ich mich von lieben Menschen und Orten trennen muss.“ dachte ich trüb und schloss für einige Momente die Augen.
Der Mond schien uns in die richtige Richtung lenken zu wollen, denn er war uns immer einen Schritt voraus und beleuchtete unseren Weg. Es war kaum zu glauben, dass ein so wundervoller Mond die tödliche Waffe der Vampire war. Wie konnte soetwas schönes böse sein?
„Sie sind hinter uns!“ rief Ion aufgekratzt und seine Krallen bohrten sich noch tiefer in das Fleisch meiner Schultern. „Ich weiß, aber sie werden uns nicht in die Finger kriegen!“ flüsterte Cosmin und blickte prüfend zurück, während er noch an Tempo zulegte. Wir waren so schnell, dass die Umgebung nur noch schemenhaft an uns vorüber zog und ich schlang meine Arme noch fester um den Hals des Silberhaarigen. Vorsichtig legte ich meinen Kopf auf seine Schultern und sein Haar wehte in mein Gesicht. Ich spürte jeden seiner verspannten Muskeln und ich sog seinen süßlichen Geruch tief ein – ich genoss seine Nähe und ich war froh, dass er immer bei mir war.


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