Carries komische Werkstatt
  Die Blutmondnacht 2
 


Ich habe gehofft, ich hätte diese Geschehnisse einfach vergessen können, sie aus meinem Leben wegradieren wie die Farbe eines Stiftes auf einem Blatt Papier. Es sind Ereignisse von denen man sich wünscht, sie nie zu erleben, sie einfach verdrängen zu können – und doch sind sie da und verschwinden nie mehr.
Ich hoffte, das diese Vorfälle nie mehr das Tageslicht erreichen und so ihre Schatten niemals wieder auf mich werfen können. Doch jetzt sind sie wieder an die Oberfläche gelangt und ich versinke in der Erinnerung, die ich am liebsten vergessen würde. Nicht einmal im Tod war man vor ihnen sicher...

„Nun sag schon, wer bist du und wer hat dich geschickt?“ fragte Cosmin in einem kalten Ton und warf mir bohrende Blicke zu. Bitter Lächelnd sah ich auf und wischte mir eine kleine Träne aus dem Gesicht. „Erkennst du mich denn nicht? Ich bin es, Stela!“ erwiderte ich ungläubig und legte verunsichert meine Hände in den Schoß. Wie hatte er mich schon längst vergessen können? „Das ist unmöglich!  Stela ist bereits seit über zwei Jahren tot, und Tote kehren leider nicht wieder zurück. Und nun höre auf zu Schwindeln, ich glaube dir eh kein Wort!“ Schmerz, Wehmut, aber auch Gram und Rachgier war in seinen Augen zu sehen und dies waren die Gefühle, die offenbar seine Gedanken regierten. Er war sehr erbost, nur noch Kälte und Verbitterung ging von ihm aus. Wo war der Cosmin geblieben, der sich so um mich sorgte und mich mit aller Macht beschützen wollte?
„Aber ich schwindle nicht!  Ich finde es ebenfalls seltsam,... ich weiß auch nicht, warum ich wieder hier bin!  Vielleicht wurde ich mit einem Zauber zurück ins Leben gerufen, aber das ist ja auch egal!  Ich bin froh wieder hier zu sein.“ Der Silberhaarige schüttelte protestierend mit dem Kopf. „Solche Zauber gibt es gewiss, aber wer soll dich denn wiedererweckt haben? Dracula würde dies sicher nicht tun, mir und meinen Freunden fehlen die Mittel dazu. Außer uns weiß doch niemand, wer sie wirklich war und welche enormen Kräfte sie besaß, also kann auch niemand anderes so etwas getan haben. Du bist ein Spion Draculas, da gehe ich jede Wette ein!  Er glaubt doch nicht tatsächlich, dass wir auf solch einen Trick herein fallen!“ meinte er spöttisch und verschränkte die Arme. „Ich sagte dir doch bereits, dass ich es auch nicht weiß!  So glaube mir, Cosmin. Ich bin es wirklich...“ Als ich sah, dass sich seine Miene in ärgerliche Falten legte, hielt ich inne und schwieg. Langsam wurde mir bewusst, dass er mir nicht glauben würde, egal was ich täte. „Verschwinde von hier und bestelle deinem Auftraggeber schöne Grüße von mir. Solltest du mir noch einmal über den Weg laufen, werde ich dich töten!“ Mit diesen Worten öffnete er die Tür hinter sich und verschwand wieder in dem Inneren des Gebäudes, bevor er den Eingang mit einem lauten Knall ins Schloss fallen ließ.
Seine Worte verpassten mir einen schmerzvollen Stich mitten ins Herz. Die Welt um mich herum, schien wie ein Kartenhaus in sich zusammen zufallen – nichts ist mehr, wie es einmal war. Cosmin schenkte mir keinen Glauben, er ließ mich nicht einmal richtig zu Wort kommen und auch die anderen Bewohner von Târgoviste waren seltsam geworden. Doch was sollte ich tun? Ich war nun vollkommen allein, hatte niemanden mehr.
Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich war verwirrt, traurig und enttäuscht, aber auch ungeheure Wut stieg in mir auf. Langsam erhob ich mich, wobei ich meinen Blick nicht vom Boden abwendete. „Dann glaube mir eben nicht,... du wirst mich nie wiedersehen, hast du gehört Cosmin!“ schrie ich wütend und rannte verzweifelt davon.

Die Straßen der Stadt waren nur spärlich beleuchtet, da die Laternen ausgeschaltet waren, und dies, obwohl es finstere Nacht war. Nur aus den Häusern schien mattes Licht. Es fiel mir schwer, etwas zu erkennen und ich bemerkte gar nicht, dass ich langsam von vollkommener Dunkelheit verschluckt wurde. Mir war es egal, ich wollte nur weg von hier – von der Stadt und dem Jungen, den ich einst so sehr liebte.
Das regelmäßige Klacken meiner Schuhe hallte durch das Halbdunkel und in kleinen Pfützen, die von meinen Schritten zerschlagen wurden, spiegelte sich der Mond. Als ich hinter mir seltsame Geräusche vernehmen konnte, lief ich noch etwas schneller. Auch wenn ich in Gedanken versunken war und mir alles egal zu sein schien, hatte ich ein ungutes Gefühl im Bauch. Flüchtig blickte ich mir über die Schulter, während ich erneut etwas an Tempo zunahm, doch es war nichts zusehen. Aber diese eigenartigen Laute waren noch immer zu hören und ich bekam den Eindruck, als ob sie mich verfolgen würden. Es klang etwa so, wie die Schritte eines kleinen Tieres, dessen Krallen über den Boden streiften.
Angst machte sich in mir breit, und ein kalter Schauer jagte über meinen Rücken. Langsam drehte ich meinen Kopf wieder nach vorn, um sehen zu können, wohin ich lief. Doch noch in dem selben Augenblick, spürte ich einen stechenden Schmerz in meinem Fuß und ich fiel zu Boden. Ein kleiner Schreckensschrei entwich meiner Kehle, als ich schmerzvoll aufschlug. Für einige Momente blieb ich liegen, bis ich bemerkte, dass mein Kleid das Wasser einer Pfütze in sich auf sog. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, rappelte ich mich auf und betrachtete ärgerlich mein mit Schlamm verschmutztes Gewand. Die äußerst komischen Geräusche, waren mit meinem Sturz verstummt und auch als ich in eine schmale Gasse flüchtete, blieb es still.

Unter dem Dach eines kleinen Häuschens, suchte ich Schutz vor dem immer stärker werdenden Regen und wimmernd ließ ich mich zu Boden sinken. Ich zog die Beine etwas an mich und schlang meine Arme schützend um sie – mir war kalt. Verzweifelt dachte ich darüber nach, was ich nun tun könnte. Ich hatte kein zu Hause mehr und niemanden, zu dem ich hätte fliehen können, denn alle dachten, ich sei tot.
„Sie von dem Gegenteil zu überzeugen, ist wohl beinahe unmöglich. Was soll ich ihnen denn erzählen, wenn ich nicht einmal selbst weiß, wie dies geschehen konnte? Cosmin und die anderen werden mir keinen Glauben schenken, aber was soll ich denn jetzt bloß machen?!“ fragte ich mich hoffnungslos. Zu wissen, dass mir niemand glauben würde und das ich nun ganz allein war, war wohl das Schlimmste für mich. Schluchzend legte ich meine Stirn auf die Knie und ballte meine Hände zu Fäusten.

Ich sah erschrocken auf, als ich auf einmal dicht neben mir ein leises, kaum hörbares Rascheln vernahm, und an der gegenüberliegenden Häuserwand, konnte ich den Schatten eines katzenähnlichen Wesens sehen. Misstrauisch blickte ich aus dem Augenwinkel heraus zurück zur Straße, wo ich erneut den kleinen orangefarbenen Kater sehen konnte. Es war Ion, mein alter kleiner Freund, der mich mit seinen giftgrünen Augen musterte und ich war mir nun sicher, dass ich seine Schritte hatte hören können. Ob Cosmin ihn damit beauftragt hatte, mich zu verfolgen?
„Was willst du? Möchtest du herausfinden, ob ich tatsächlich ein Spion Draculas bin? Lass mich doch einfach in ruhe!“ rief ich aufgebracht und legte meine Stirn zurück auf die Knie. Ion schwieg und setzte sich neben mich ins Trockene. Für einige Zeit herrschte Stille, nur das Prasseln des Regens und das Rauschen des Windes war zu hören. „Ich bin dir gefolgt, um dich zurück zu holen, Stela!“, meinte der Kater schließlich und sprach nach einer kurzen Pause weiter. „Du musst Cosmin verstehen!  Er ist seit deinem Tod sehr unglücklich, er hat sich beinahe vollkommen verändert. Er spricht kaum noch ein Wort, starrt oft stundenlang vor sich hin und der Hass gewinnt die Überhand über ihn. Cosmin weiß genau, dass Tote nicht ins Leben zurückkehren können, daher glaubt er dir nicht. Aber irgendwie muss es dir gelungen sein, und ich glaube dir!  Du bewegst dich und redest genauso wie die Stela von damals, außerdem riechst du genauso wie sie und ein Spion von Dracula wäre niemals weinend davon gelaufen. Ich bin eine Katze, ich habe einfach viel bessere Sinne als Menschen oder Vampire. Und nun komm, wir gehen zurück zu ihm. Ich werde dir dabei helfen, ihn zu überzeugen!“ Unsicher sah ich Ion an und ein kleiner Stein fiel mir vom Herzen, als ich dies hörte. „Es freut mich, dass wenigstens du mir glaubst. Aber ich will nicht zurückgehen, nein!  Ich möchte erst gar nicht darüber nachdenken, was passiert, wenn Cosmin mich wieder sieht...“ entgegnete ich ihm flüsternd und strich über sein weiches Fell. „Wie du willst, dann hole ich ihn eben her!“ Mit diesen Worten verschwand der Kater genauso schnell wieder, wie er gekommen war. „Halt warte!“ rief ich ihm leise hinterher, doch er konnte mich bereits nicht mehr hören.

Es war einige Zeit vergangen, und die Leute, die vorhin noch aufgeregt auf den Straßen herum liefen, hatten sich wieder in ihren Häusern verbarrikadiert. Sie schienen vor irgendetwas große Angst zu haben, nur wovor? Während meiner Abwesenheit, war wohl sehr viel passiert. Nicht nur die Stadt wurde beinahe komplett wieder aufgebaut, sondern auch die Menschen die hier lebten, hatten sich vollkommen verändert. Mittlerweile wirkte Târgoviste wie eine unheimliche Geisterstadt auf mich, ein eiskalter Schauer lief meinen Rücken hinab, als ich in Richtung Straße sah. Ich hatte ein seltsames Gefühl.
Nachdem noch einige Minuten vergangen waren, wurde ich ungeduldig. Ob Ion es nicht schaffte, Cosmin zu überzeugen? Derweil hatte ich den Eindruck, als ob ich die Empfindungen meines Körpers verloren hätte, denn meine Gliedmaßen waren wie Taub und es fiel mir schwer, meine Arme und Beine zu bewegen. „Wenn ich noch länger hier sitzen muss, bin ich wahrscheinlich erfroren.“ murmelte ich flüsternd zu mir selbst und zog mich an der Häuserwand hoch.

„Es ist besser, wenn ich ins Nachbardorf gehe. Ion wird es ja doch nicht schaffen, ihn zu überzeugen.“ dachte ich traurig und machte Anstalten zu gehen. Doch als ich um die Ecke bog, stieß ich gegen einen großen Mann und stürzte beinahe zu Boden. Erschrocken sah ich auf und blickte in die glasklaren Augen von Cosmin. Er stand wie versteinert vor mir, ohne jegliche Gefühlsregung starrte er mich an.
„Wie ist das bloß möglich, Stela?“ brachte er schließlich zögerlich mit rauer Stimme hervor. Ich schwieg und schloss die Augen, während ich mich in Gedanken bei dem kleinen Kater bedankte. Es schien mir so, als hätte er es tatsächlich geschafft, immerhin war Cosmin gekommen und es ging keine Feindseligkeit von ihm aus.
Kopfschüttelnd machte ich einige Schritte rückwärts und antwortete ihm: „Ich weiß es nicht, das musst du mir glauben!  Als ich aufwachte, waren all meine Erinnerungen verschwunden. Sie kehrten erst zurück, als ich dich sah. Ich habe keine Ahnung, wie das geschehen konnte!“ Verzweiflung lag in meiner Stimme, ich wollte mit aller Macht, dass er mir auch wirklich Glauben schenkte. Der Silberhaarige nickte und zog mich an sich. „Ich glaube dir, und verzeih mir, ich wollte dir keinesfalls weh tun!  Nur ich war so furchtbar erschrocken und entsetzt, ich traute meinen Augen kaum. Ich dachte wirklich, du seist ein Gestaltenwandler und von Dracula geschickt worden.“, meinte er und sprach nach einer kurzen Pause weiter. „Aber ich bin froh, dass du nun wieder hier bist. Ich habe dich sehr vermisst.“ Er drückte mich noch etwas fester an sich und mein Kopf ruhte auf seiner Brust.

Für viele Augenblicke verharrten wir in unserer Umarmung, und Freudentränen durchdrangen die dünne Kleidung des Größeren. Cosmin strich mir langsam und ruhig mit seinen Fingerspitzen durchs nasse Haar, während ein wohliges Seufzen seine Lippen verließ. Ich war froh darüber, dass sich diese Sache doch noch zum Guten gewendet hatte und all meine Wut war wie verflogen.
„Lass uns gehen!  Ion wartet sicherlich auf uns.“ meinte der Silberhaarige schließlich und ließ von mir ab.

Stumm drehte sich Cosmin um, und ging voraus. Schweigend folgte ich ihm und ging neben ihm her, während ich zitternd meine Arme um mich schlang. Solch eine bittere Kälte, hatte ich schon lange nicht mehr gespürt und ich hätte nur zu gerne gewusst, welche Jahreszeit wir eigentlich hatten. Der Wind fegte erbarmungslos durch die Straßen und ließ die alten Holzläden vor den Fenstern der Häuser, laut auf und zu schlagen. Die Stille, die nun herrschte, ließ mich schaudern.

Aus dem Augenwinkel heraus, sah ich zu dem Silberhaarigen und wollte ihn nach den Geschehnissen der letzten Jahre fragen. Doch sein Blick war besorgt, in seinem Inneren schien ein schrecklicher Kampf der Gedanken und Gefühle stattzufinden. Ob es etwas mit mir zu tun hatte,... misstraute er mir noch immer?
„Mein Auftauchen kam plötzlich und unerwartet!  Ich kann es ihm nicht verübeln, wenn er noch immer Zweifel hat. Er scheint hin und her gerissen zu sein, aber mit der Zeit wird er sicher merken, dass ich die echte Stela bin...“ dachte ich traurig und sah zum Himmel. Die Wolken zogen ungewöhnlich schnell und in kreisenden Bewegungen an uns vorüber. Es schien mir beinahe so, als ob jemand die Zeit verschnellert hätte, und ein seltsames Gefühl machte sich in mir breit. Ein mysteriöser Zauber schien in der Luft zu liegen.
Gerade als ich meinen Blick wieder senken wollte, entdeckte ich plötzlich drei schwarze und kleine Punkte vor dem Mond. „Wa... was ist das?!“ murmelte ich angespannt und versucht gleichzeitig, etwas genauer hinzusehen. Cosmin, der meine Worte vernommen hatte, sah nun ebenfalls auf und biss die Zähne zusammen. „Das sind Späher, Vampire die sich in eine Fledermaus verwandeln können!  Sie beobachten und erkundschaften die Umgebung. Dracula schickt jede Nacht einige von ihnen los, umso über Veränderungen und mögliche Gefahren informiert zu sein. Aber es ist seltsam, sie sind heute viel zu früh!“ knurrte er wütend. „Zu früh?“ hackte ich nach, als ich bemerkte das der Silberhaarige einige Schritte zulegte. „Ja,... komm schnell, ich erkläre es dir später!“
Hastig griff Cosmin nach meinem Arm, bevor er in einen Laufschritt verfiel. Ich konnte nur unter großer Mühe mit seinem Tempo mithalten und noch immer wusste ich nicht genau, was eigentlich los war. Jedoch schienen diese Späher dem Silberhaarigen einige Sorgen zu bereiten.

Von weitem konnte ich bereits mein wiederaufgebautes Elternhaus sehen und mein Herz machte einen Sprung, als wir ihm immer näher kamen. Ich freute mich schon darauf, endlich Aurelia und die anderen wiederzusehen. „Ob Ion ihnen bereits gesagt hatte, dass ich wieder da bin?“
Als wir schnell die Treppenstufen hinauf stiegen und uns in das Innere des Hauses begaben, konnte ich hinter mir ein seltsames Kreischen vernehmen. Erschrocken schlug ich die Tür zu und lehnte mich erschöpft gegen diese. „Ob sie uns gesehen haben?“ fragte ich Cosmin, der aus einem Fenster sah. Er zuckte mit den Schultern und antwortete: „Sie haben sehr gute Augen, ich denke schon, dass sie uns bemerkt haben. Ich hoffe nur, dass sie Dracula nichts von dir erzählen...“


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