Carries komische Werkstatt
  Die Blutmondnacht
 


Kapitel 1 - Die Blutmondnacht

Wie betäubt öffnete ich benommen die Augen und meine Blicke schweiften starr durch die Dunkelheit. Mit meinem immer leiser werdenden Atem wurde es still, und ich vernahm das Rauschen des Windes in den Wipfeln der Bäume. Mein Körper verkrampfte sich, je mehr ich versuchte, mich an das Vergangene zu erinnern. Was war geschehen und wie kam ich hierher? Meine Gedanken überschlugen sich – Träume und verschleierte Erinnerungen gaben sich die Hand.
Ein leichter Atemzug lag zwischen meinen Lippen, während ich in die Finsternis lauschte. Draußen tobte allem Anschein nach ein gewaltiger Sturm, denn Regentropfen plätscherten unaufhörlich gegen die Mauern des Raumes und in regelmäßigen Abständen war ein Donnern und Grollen zu hören. Unter leisem Stöhnen versuchte ich ein Bein anzuwinkeln und mich aufzurichten, aber es gelang mir einfach nicht. Irgendetwas kaltes und hartes schien mich davon abhalten zu wollen. Benebelt ließ ich mich zurück auf den Rücken sinken und allmählich machte sich Panik in mir breit. Langsam strichen meine Fingerspitzen über die kühle Oberfläche, wobei mein Herzschlag sich beschleunigte. Es schien mir beinahe so, als ob ich in einem gläsernen Gefängnis lag.
Als ich erneut meine Augen umher schweifen ließ bemerkte ich, dass ein seltsames rotes Licht durch ein kleines Rubinglasfenster fiel. Für einen Moment erstarrte ich in meinen Bewegungen. Dieser merkwürdige Lichtschimmer zog mich magisch an und meine Blicke folgten dem Schein wie gebannt. Eine befremdliche Wärme durchflutete meine Adern, während sonderbare Gefühle in mir aufstiegen. „Was ist bloß mit mir los?“ fragte ich mich leise und meine Stimme war nicht lauter als ein Flüstern.

Als das Tosen des Sturms lauter wurde und mich somit aus meinen Gedanken riss, sah ich mich noch einmal um. Ich befand mich in einem kleinen Raum und ich war tatsächlich von etwas Glasartigem umgeben. Unter mir befand sich eine dünne Schicht aus Stoff und mein Kopf war auf vielen kleinen mit schwarzer Spitze verzierten Kissen gebettet. An den steinernen Wänden waren schon längst verdorrte aus Tannen gefertigte Trauerkränze gelegt worden. Auf den Schleifen war immer und immer wieder der selbe Name zu lesen. War dies vielleicht mein Name – ich hatte meine Erinnerungen komplett verloren. Aber wie konnte das sein?

Während ich versuchte einen klaren Kopf zu bekommen, wurde der Schimmer immer stärker und alles wurde in ein rötliches Licht getaucht, nichts mehr blieb vor mir im Dunklen verborgen. Mich grauste es und ein eiskalter Schauer jagte meinen Rücken hinab, als ich erkannte, dass ich mich in einer kleinen Gruft befand. Es war wie in einem gruseligen Schauerroman – träumte ich vielleicht? Nein, dies konnte kein Traum sein, dafür war alles viel zu Real!  Sogar die eisige Kälte konnte ich spüren, die langsam meinen Körper auffraß und das Blut in meinen Adern gefrieren ließ. Aber wie kam ich hierher? Wurde ich vielleicht entführt und in diese Gruft verschleppt, warum hatte ich all meine Erinnerungen verloren?

Ruhig hob ich meinen Kopf und sah besonnen an mir hinunter. Ein dünnes weißes Kleidchen mit vielen kleinen Schleifen und durchsichtiger Spitze, umschlang meinen Leib. Allerdings war es so dünn, dass es die Kälte nicht von mir fernhalten konnte.
Seufzend ließ ich mich zurück in die Kissen fallen und mein Blick blieb auf der gläsernen Oberfläche über mir kleben. Erneut berührte ich sie mit meiner Hand und drückte gegen das feine Glas, doch nichts geschah. Erst als ich den Druck noch etwas verstärkte, konnte ich mit aller Kraft die Glasfassade wie einen Deckel von mir fort stemmen. Hastig setzte ich mich auf, wobei mir jeder einzelne Knochen knackste.
Jammernd vergrub ich mein Gesicht in den Händen, als mir ein widerwärtiger modriger und penetranter Geruch entgegen schlug. Angewidert rümpfte ich die Nase und hielt gleichzeitig die Luft an. Ein starkes Stechen durchzuckte meine Schläfen, es fühlte sich beinahe so an, als ob viel zu viel Blut dadurch gepumpt werden und für einen Augenblick schien es mir so, dass ich in Ohnmacht fallen würde. Doch plötzlich war alles still – der Sturm und auch das Donnern verstummte, es herrschte Totenstille und das rote Licht hatte sein höchstmaß an Helligkeit erreicht. Vor dem kleinen Fester leuchteten im fahlen Strahlen, blasse Spinnennetzte, die im leichten Durchzug etwas umher schwankten. Zögernd stand ich auf und kletterte vorsichtig aus der Totenkiste hinaus. „Ich würde zu gerne wissen, wer mich her geschafft hat. Ich will nach Hause, wenn ich nur wüsste, wo das sein soll...“ murmelte ich leise vor mich hin und sah mich misstrauisch um.

Genau vor mir, konnte ich eine seltsame schwarze Eisentür erblicken und ohne nachzudenken, rannte ich auf diese zu. Ich hatte nur noch einen Gedanken: Von hier verschwinden und zu erfahren, wer ich bin. Langsam umschlangen meine Finger den Griff der Tür und ich drückte die Klinke mit einem leisen Quietschen nach unten. Blindlings ging ich einige Schritte über einen Kiesweg, der unter der Last meines Körpers unwillkürlich knirschte und sofort wurde ich von einer starken Windböe erfasst, die mein dünnes Kleidchen durch die Luft tanzen ließ. Doch es war seltsam, man konnte nicht hören, wie der Windhauch durch die Bäume brauste und auch sonst war es still, nur das Knistern des Weges unter mir, konnte man vernehmen.
Unruhig wandte ich meine Augen von dem Boden ab und starrte nervös geradeaus.

Auf einer kleinen Anhöhe, hinter vielen alten Hecken und Sträuchern, lag gut versteckt ein Friedhof. Als ich mich diesem näherte, erfassten meine Augen verwitterte Ruhestätten, um die sich fast niemand mehr zu kümmern schien, von Efeu umschlungene Engelsskulpturen und zahllose kleine bepflanzte Inseln mit blühenden Wildrosen und Jasmin. Zögernd folgte ich weiter dem aufgeschütteten Kiesweg und versuchte dabei die Inschriften zu entziffern. Allerdings waren diese kaum noch Lesbar, da der Regen die alten Holzkreuze aufgeweicht hatte und sie verrotten ließ.
Plötzlich begannen die Glocken eines alten Kirchturms, eine volle Stunde zu verkünden und seltsamer weißer Nebel legte sich unheimlich über die getrübten Grabstellen. Schaudernd drehte ich mich um und ich erspähte eine kleine Stadt, die sich wohlig an den Friedhof schmiegte. Durch einige Schornsteine drang grauer Rauch und nur in wenigen Häusern brannte mehr ein Licht. Als meine Augen die schwarzen Zinnen einer Kapelle entdeckten, erstarrte ich fasziniert. Hinter den Dächern des Doms, lugte der Mond hervor. Er war Blutrot und so groß, dass man das Gefühl bekam, er würde jeden Moment auf die Erde herab stürzen und das Leben der Menschen aushauchen. Seine fahlen Lichtstrahlen strömten wie ein blutiger Fluss auf mich hinab, schien meine Haut und alles um mich herum zu benetzen. So etwas wunderschönes und zugleich Furcht erregendes hatte ich noch nie zuvor gesehen. Obwohl ich mich an nichts mehr erinnern konnte, konnte ich dies mit Bestimmtheit sagen.

Vor dem Friedhofstor erblickte ich plötzlich zwei zierliche Gestalten, die ebenfalls wie gebannt zum Himmel starrten. „Wie ist das möglich, wo kommt der Mond denn auf einmal her?“ konnte ich sie ungläubig flüstern hören und ohne zu zögern ging ich auf sie zu. Vielleicht konnten sie mir verraten, wo ich hier gelandet war.
Obwohl meine Schritte laut und gut hörbar waren, bemerkten mich die beiden kleinen Körper nicht, die wohl Kindern gehörten. „Hallo, könnt ihr mir vielleicht den Namen dieser Ortschaft sagen?“ fragte ich neugierig und legte meine Hand sanft auf die Schulter eines der Mädchen. Doch nichts geschah, es blieb still. Entweder erlaubten sich diese kleinen Gören einen fiesen Scherz mit mir oder der Mond hatte sie hypnotisiert. Mit aller Kraft räusperte ich mich, die Kinder jedoch waren noch immer wie versteinert.
Hilflos ließ ich meine Blicke einer unebenen Straße folgen, die mich allem Anschein nach in das Innere des Ortes führen konnte. Mit einem leichten Kopf schütteln, bewegte ich mich davon und machte mich auf den Weg. „Eine seltsame Stadt, aber es wird sich sicher noch jemanden finden, der mir Helfen will und kann.“ hauchte ich kaum hörbar und von weitem konnte ich bereits aufgeregtes Getratsche vernehmen.

Obwohl ich keinen blassen Schimmer hatte, wo ich hier war, kam mir diese Stadt vertraut vor. Die vielen Straßen und ihre engen Seitengassen, die Häuser und die Schaufenster der kleinen Läden, aber auch die Menschen kamen mir bekannt vor. Ich hatte das Gefühl, als ob ich bereits einmal vor langer langer Zeit hier gewesen wäre, meine Erinnerungen waren dennoch wie verschleiert und egal wie sehr ich mich bemühte diesen Vorhang zu lüften, es kam mir einfach nicht in den Sinn.
Meine Schritte hallten laut durch die Straßen, die ersten Fenster und Türen schwangen auf. Die Luft war erfüllt von unzähligen Wortfetzen, während die Bewohner des kleinen Städtchens ängstlich, gleichzeitig aber auch beeindruckt zum dunklen Firmament starrten. Ich blieb nicht stehen, es schien mir so, als hätten meine Beine ein Eigenleben entwickelt und würden mich nun durch die Ortschaft tragen. Erst nach einiger Zeit schienen sie nicht mehr weiter gehen zu wollen und schließlich hielt ich vor einem alten Fachwerkhaus inne. Tränen traten unwillkürlich meine Augen hervor, als ich an der Häuserwand hinauf sah. Ein eigenartiges Brennen durch fuhr meine Seele mit Schmerz, als in dem Häuschen die Lichter gelöscht wurden. Mein seltsames Sehen, Suchen und Sein, fand ich dort, in diesen Mauern aus Stein.
„Was ist bloß los mit mir?“ fragte ich mich leise und trocknete meine salzigen Tränen.
Langsam trat ich näher an ein Fenster heran und sah hindurch. Nur schemenhaft konnte ich die Konturen einiger Möbelstücke erkennen, denn es war einfach zu Dunkel und eine dicke schwarze Wolke unterbrach den Lichtfluss des Mondes. Als unendlich scheinende Finsternis sich wie einen Film über die Erde legte, wurde es Totenstill und eine Gänsehaut machte sich auf mir breit. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Irgendetwas schlimmes muss hier heute passiert sein, denn warum sollten sonst die vielen Menschen so aufgebracht und sprachlos sein? Lag es vielleicht an dem blutroten Mond, sorgte er für all die Aufregung?
„Ich muss mir eingestehen, er ist heute wirklich seltsam,... so drohend groß und..“ Schnell schüttelte ich den Kopf, umso diesen irrwitzigen Gedanken aus meinem Gehirn zu vertreiben. „Das ist absurd, es muss irgendetwas anderes geschehen sein. Es ist besser, wenn ich schnell wieder von hier verschwinde!“ dachte ich und Nickte zu mir selbst.

Gerade als ich einige Schritte rückwärts machen und davon gehen wollte, öffnete sich die Türe des Hauses. Eine schwarze Gestalt trat heraus und hielt den Blick gesenkt. Schleppend fiel wieder etwas rotes Mondlicht auf uns herab und ich stolperte zurück, als ich die Person erkennen konnte.

Die Luft um mich her war klirrend und kalt, ebenso die hellen blauen Augen des Jungen, die durch und durch aus Eis zu bestehen schienen. Dünnes silbernes Haar wehte im Wind, das wegen des Mondes einen leicht rötlichen Schimmer besaß und seine Haut war unbeschreiblich zart, vor allen Dingen aber bleich. Wie ein Engel schien er die Treppenstufen hinunter zu schweben, wie ein Wesen aus einer vollkommen anderen Welt. Zwischen seinen Beinen, schlängelte sich ein winziger Kater mit weiß und orangefarbenem Fell, der zu dem hübschen Burschen hinauf schaute. Obwohl es sehr kühl war, trug der junge Mann nur ein hauchdünnes, beinahe komplett aufgeknöpftes Hemd und ich hatte den Eindruck, dass er trotzdem nicht Frieren würde.
Ein leises Seufzen entwich den Lippen des Silberhaarigen, als er sich unsicher umsah und kurz zum Sternenzelt hinauf blickte. Ein seltsamer Ausdruck lag in seinen Augen – Hass und Zorn, aber auch Trauer und Melancholie blitzte in ihnen auf. Ein starker Windzug brauste an mir vorüber und ließ mich frösteln. Mein Haar wurde durch die Luft gewirbelt und das Kleid das ich trug, bewegte sich Wellenförmig umher. Kleine Regentropfen berührten meine Haut und von der einen Sekunde auf die andere, wurde der Schauerguss stärker. Plötzlich erfassten mich die eisigen Augen des Jungen und ich war wie gelähmt, als sich unsere Blicke trafen.

Wie ein Blitz, durchzuckten unerwartet wilde Erinnerungen meinen Kopf. Dieser kühle Blick, diese glasklaren Augen. Sie weckten mich auf – betäubende Bilder aus meiner Vergangenheit, schossen wie in einer Explosion an mir vorüber. Überwältigt von diesen unendlichen vielen Gefühlen, die über mich herein brachen, ging ich keuchend in die Knie und presste die Hände an meine Schläfen. Sollte dies tatsächlich meine Vergangenheit sein, oder träumte ich vielleicht? Dann, urplötzlich, endete das filmartige Flimmern in meinem Gedächtnis.
Vom Wind voran gepeitschte Regentropfen, prasselten mit einem leisen Rauschen auf mich hinab. Wasserperlen benetzten meine Haut und ich spürte, wie sich die Nässe durch mein viel zu dünnes Kleid kämpfte. In dicken feuchten Strähnen, klebte mein Haar an der Stirn und in kleinen Strömen, liefen klare Tropfen mein Gesicht entlang.
Ein leises Schluchzen entwich meinen Lippen und mein Kopf schien völlig leer zu sein. Ich hatte Angst. Angst vor dem, was mich noch erwarten würde.

„Was bist du? Ein Gestaltenwandler?“ Dumpf hallten die Worte durch das Nichts in meinem Kopf. Ich war nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Noch immer konnte ich nicht glauben, was in meiner Vergangenheit geschehen sein soll und ein Gefühl von Einsamkeit überkam mich. Man hielt mich für tot – ich war tot. Doch wie kam ich dann hierher und warum beachtete mich niemand außer Cosmin? War ich nun ein Geist, der einfach keinen Frieden finden konnte?


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